Full text : Lebenserinnerungen

die  Beteiligung  Daran  sich  nicht  mit  Dem  Zusammenleben  mit
meiner  Mutter  vertrüge;  so  bin  ich  in  aller  Freundschaft  von  Den
priesen  geschieden,  bin  aber  Dauernd  in  guten  Beziehungen  mit
ihnen  geblieben.  Ich  hatte  Durch  meine  Mutter  ein  recht  behagliches
häusliches  Leben.  Oft  besuchten  mich  dortige  freunde,  nicht  bloß
Deutsche,  sondern  auch  Ungarn,  Schotten  usw.  Ost  wurden  gemeinsame ­
  Spaziergänge  und  Liusstüge  unternommen.  Meine  freunde
und  ich  haben  z.  B.  einmal  eine  ganze  Mondnacht  im  Walde  zugebracht. ­
  Lluch  fehlte  es  nicht  an  Linladungen  zu  befreundeten
Familien.  So  gedenke  ich  mit  besonderem  Vergnügen  der  Linladungen
  von  uns  freunden  seitens  des  ländlichen  Pfarrhauses
chosdorf.  Volkslieder  wurden  gesungen,  manche  tragen  halb  ernsi,
halb  scherzhaft  erörtert.  Vor  allem  aber  haben  meine  Mutter  und
ich  die  anmutige  gegend  von  göttingen  vielfach  durchwandert  und
oft  unser  Mittagsmahl  in  einem  einfachen  Dorfwirtshause  eingenommen. ­
  Sie  hatte  viel  Freude  an  dem  neuen  bewegteren  Leben,  das
uns  umfing.  3nir  meine  geistige  Lntwicklung  und  für  den  gewinn
vielfacher  Vnfchauung  war  wichtig,  daß  meine  Mutter  und  ich
trotz  unserer  bescheidenen  Mittel  in  federn  Jahre  eine  größere  cheise
unternahmen.  Die  erste  dieser  weisen  ging  nach  Thüringen,  wo
wir  namentlich  Lisenach  und  Weimar  mit  ehrfurchtsvoller  gesinnung
  betraten  und  ferner  uns  der  herrlichen  thüringer  Wälder
freuten.  Die  zweite  Keise  ging  nach  dem  Harz,  die  dritte  nach
dem  chhein.  Bei  Stolzenfels  habe  ich  zuerst  den  chhein  mit  gehobenen ­
  gefühlen  erblickt,  dann  fuhren  wir  über  Köln  nach  Mainz
und  Frankfurt,  das  damals  fa  die  Hauptstadt  des  Bundes  war
und  manche  bunte  Uniformen  aufwies.  Daß  ich  schon  vier  Jahre
darauf  eine  angenehme  Stellung  in  Frankfurt  bekleiden  sollte,  das
konnte  ich  nicht  voraussehen.
Frankfurt  bringt  mich  auf  den  Türstentag  von  1863.  Ls  war
damals  eine  eigentümliche  Atmosphäre,  feder  fühlte,  daß  es  so,
wie  es  bisher  stand,  nicht  bleiben  konnte,  großdeutsche  und  Kleindeutsche,
  wie  sie  damals  hießen,  stritten  um  die  gestaltung  der
deutschen  Verhältnisse.  Zn  unserer  Umgebung  überwog  die  preußische ­
  Stimmung.  Man  fühlte  deutlich  genug,  daß  der  von
Österreich  mit  seinem  Völkergewirr  betretene  Weg  nicht  zum  Ziele
lühre.  In  diese  schwankende  und  schwüle  Stimmung  kam  im  November ­
  1863  der  Tod  des  dänischen  Königs  und  stellte  Deutschland
vor  die  SFrage,  was  aus  den  Herzogtümern  Schleswig-Holstein
werden  solle.^  Ls  war  die  allgemeine  Überzeugung,  daß  Deutschland ­
  seine  «stechte  nicht  aufgeben  dürfe  und  daß  alle  deutschen
Regierungen  bei  dieser  Trage  zusammengehen  müßten.  Liber  alsbald ­
  erschienen  auch  hier  große  Zerwürfnisse,  und  in  dieser  Lage
fühlte  das  deutsche  Volk  und  mit  ihm  auch  die  deutsche  Studenten-
            
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