Full text : Lebenserinnerungen

OOOOOOOOOOOOOOOOÖOOOÖ  40  OOOOÖOOOOOÖOOOOOOOOOO
erwiderte  mit  feinem  Lächeln:  „Wissen  3ie,  lieber  Herr  Kollege,  ich
kenne  persönlich  Philologen,  die  noch  schärfer  sind  als  die  Theo/
logen,  ich  habe  darunter  sehr  gute  freunde".  Natürlich  merkte
jeder,  auf  wen  die  3ache  gemünzt  war.
Während  des  ersten  Winters  hörte  ich  neben  den  Vorlesungen
Trendelenburgs  verschiedene  juristische  und  staatswissenschaftliche
Vorlesungen.  Lodann  war  ich  als  das  letzte  Mitglied  seines
pädagogischen  3eminars  der  letzte  3chüler  des  ehrwürdigen
Boeckh.  Die  einzelnen  Mitglieder  mustten  eine  Quittung  für  ein
empfangenes  3tipendium  vorlegen;  als  ich  diese  ihm  durch  einen
Diener  übergeben  wollte,  liest  er  mir  sagen,  ich  möchte  nur  selbst
kommen;  er  sprach  dann  mit  mir  gütige  und  eindrucksvolle  Worte
Uber  sein  eigenes  Leben  und  über  Menschenleben  überhaupt,
kinige  Tage  darauf  starb  er.  Lr  war  aus  voller  Überzeugung
Platoniker.
Üuch  sonst  begegnete  man  mir  in  Berlin  sehr  freundlich  und  ich
wurde  in  verschiedene  Zesellschaften  eingeführt.  Liebenswürdig  aufgenommen ­
  wurde  ich  z.  B.  von  dem  Theologen  Dörner,  von  dem
Philologen  Kirchhofs  von  dem  Juristen  Nudorff,  dem  Legationsrat
  Meper,  dem  Vorleser  des  Königs,  ferner  von  der  Familie
Köpke,  um  welche  sich  jeden  3onntag  ein  kleiner  geistig  belebter
Kreis  versammelte.  Üuch  meine  Mutter  fand  in  diesem  Kreise
freundliche  Llufnahme.  Weiter  verkehrte  ich  gern  in  dem  religionsphilosophischen ­
  Kreise,  den  der  charaktervolle  Krause  um  sich  in
Weistensee  versammelte.  5o  wurde  die  Fremdheit  Berlins  für  uns
rasch  überwunden.
Nun  aber  galt  es,  eine  amtliche  Tätigkeit  zu  gewinnen,  und
für  diese  Qufgabe  war  mir  niemand  wichtiger  und  förderlicher,  als
der  3kadtschulrat  Professor  Or.  Hoffmann;  ich  schulde  ihm  ein
herzliches  und  dankbares  Llndenken.  Lr  vornehmlich  hat  es  bewirkt, ­
  dast  ich  in  Berlin  bleiben  konnte.  Ihn  leitete  die  Überzeugung, ­
  die  wissenschaftlichen  Lehrer  sollten  nicht  ganz  in  der
Pädagogik  aufgehen,  sondern  auch  wissenschaftlich  selbständig
wirken.  Lr  meinte,  die  bloste  Pädagogik  genüge  wohl  für  die
unteren  und  mittleren  Klassen;  zurLrweckung  eines  vollen  geistigen
Lebens  aber  sei  ein  eigenes  wissenschaftliches  Tortschreiten  der
Lehrer  selbst  im  höchsten  Maste  wünschenswert.  In  solcher  gesinnung
  hat  er  damals  das  städtische  Lchulwesen  geleitet.  —  Linstweilen
  blieb  ich  aber  in  einer  unsicheren  Lage.  Das  Tnde  des
Iahres  war  gekommen.  Ich  hatte  in  ihm  viel  gearbeitet  und  erreicht, ­
  die  beiden  Lfanuna  waren  abgelegt,  i  eine  neue  Lebensbahn ­
  begonnen,  aber  der  Blick  in  die  Zukunft  blieb  verhüllt.
Der  Iahreswechsel  brachte  meiner  Mutter  und  mir  diese  Unsicherheit ­
  zu  vollem  Bewusttsein.  In  dieser  Stimmung  besuchten  wir  am
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.