seiner charaktervollen und universalen Persönlichkeit allgemein ge
schätzt wurde.
Ich begann bald meine Vorlesungen. Die Zahl meiner Zuhörer
war natürlich anfangs klein. Mein erskes Kolleg behandelte die
geschichke und das Zpstem der Pädagogik, wobei ich den ge
wöhnlichen Gehler beging, viel zu viel Ltoff zu bringen. Ich
habe auch sofort aristotelische Übungen eingerichtet und hier die
Lthik mit sehr tüchtigen Ztudenten getrieben. Im folgenden Le
nzester hatte ich schon 4.0 Zuhörer. Ouch die gesellschaftlichen Ver
hältnisse in Basel gestalteten sich sehr zusagend. Wir gewannen
einerseits mit den deutschen Kollegen, andererseits mit den einheimi
schen Familien mannigfache freundschaftliche Beziehungen. Damals
herrschte in Basel eine hochgebildete Llristokratie, welche sich mit
dem deutschen Wesen eng verwandt fühlte. Durch eine ganze Keihe
von Jahrhunderten waren daraus bedeutende Persönlichkeiten her
vorgegangen; das -Keligiöfe gab einen festen Zrundton, aber es
war keineswegs eng und aufdringlich. Zugleich herrschte in diesen
Kreisen viel Zinn für die Kunst, sowohl für die bildende, als für
die Musik. Dazu kani eine unbeschränkte Opferwilligkeit für öffent
liche Zwecke, bei der sich die gemeinsamen Üngelegenheiten ausge
zeichnet befanden. 5o galt Bafel mitNecht als ein hervorragendes
Kulturzentrum selbständiger Llrk. Dabei herrschte im persönlichen
Verkehr ein recht freundlicher und ansprechender Ton. Wieder
holt ist mir damals versichert worden, man fühle sich mit den
eigentlichen Norddeutschen und namentlich mit den Küsten
bewohnern besonders verwandt, verwandter als mit den rede
gewandten Mitteldeutschen und namentlich mit den selbstbewustten
Berlinern. Dast auch meine Mutter diese ganze Lage freudig be-
grüstte und auch für sich selbst vielfach Ünregung schöpfte, das
bedarf keiner Erwähnung. Zehr bedauerlich und schmerzlich aber
war mir in dieser Zeit der unerwartete Tod Trendelenburgs. Lr
hatte schon 1870 einen leichten Zchlaganfall gehabt, den alle
freunde auf seine mastlose Überbürdung mit geschäften schoben.
Über man hoffte, die sorgfältige und treue Pflege der Zeinigen
würde die Hemmung voll überwinden. Lr erbat und erhielt
einen längeren Urlaub, um sich in der grasten und stillen Natur
der Qlpen auszuruhen, und es schien, als ob er seine akademische
Tätigkeit bei genügender Vorsicht wieder würde aufnehmen kön
nen. Ich habe in ^ener Zeit öfter mit ihm korrespondiert und
ihn über laufende wissenschaftliche Vorgänge orientiert; er hatte
damals einen verdriestlichen wissenschaftlichen Ztreit mit Kuno
Tischer, der sich zunächst auf die Behandlung Kants bezog, der
aber überhaupt di^ wissenschaftliche Ort der beiden Denker als recht
verschieden zeigte. Trendelenburg fand die philosophische llrt