Full text : Lebenserinnerungen

Jür  einen  jeöen  von  uns  bedeutet  der  Verlust  der  Mutter  einen
grasten  Qusfall,  ich  aber  wurde  besonders  hart  dadurch  betroffen.
Nicht  nur  war  ich  in  praktischen  Dingen  recht  verwöhnt  und  vielfach
auf  ihre  kluge  und  gütige  Hilfe  angewiesen,  auch  meine  wissenschaftlichen ­
  Pläne  pflegte  ich  meiner  Mutter  mitzuteilen  und  sie  mit  ihr  zu
erörtern.  So  empfand  ich  die  Lücke  aufs  schmerzlichste,  und  zunächst
hatte  ich  die  gröstte  Mühe,  nur  die  tägliche  Llrbeit  zu  verrichten.
£s  ist  aber  ein  Segen  für  den  Mann  in  amtlicher  Stellung,  dast  er
sich  nicht  ganz  seinem  eigenen  Befinden  hingeben  darf,  sondern  die
pflichten  des  Berufes  zu  erfüllen  hat.  Oie  l?reude  an  der  Natur
habe  ich  zeitweise  ganz  verloren,  auch  die  Qlpen  verlockten  mich
nicht.  Ich  bin  wochenlang  in  der  Nähe  von  Luzern  gewesen,  aber
nicht  auf  den  Nigi  gekommen.
Zugleich  vollzog  sich  in  meiner  wissenschaftlichen  Betätigung
eine  eingreifende  Wendung,  die  freilich  längst  vorbereitet  war.  von
Anfang  an  war  es  mein  Streben,  mich  an  erster  Stelle  den  grasten
Lebensfragen  der  Philosophie  zu  widmen;  Qristoteles  war  bei  allent,
was  er  mir  bot,  im  gründe  nur  eine  Brücke  zu  weiterem  Streben.
Meine  seelische  Lage  hatte  keinen  vollen  Anklang  zwischen  Ürbeit
  und  Denkweise.  Meine  Arbeit  gehörte  zunächst  Aristoteles,
und  ich  konnte  es  nicht  übelnehmen,  nach  üblicher  deutscher
Schablone  von  Anfang  an  in  die  Klasse  der  Llristoteliker  eingereiht ­
  zu  werden.  Meine  eigene  Denkweise  aber  neigte  sich  mehr
zu  Plato,  ein  gewisser  Unterschied  von  Trendelenburg  war  dabei
nicht  zu  verkennen.  Meine  Schrift  über  die  Methode  der  aristotelischen ­
  Philosophie  war  einerseits  eine  volle  Anerkennung  des
grasten  Denkers,  sie  war  aber  zugleich  eine  kritische  Würdigung
desselben*.  Zn  zener  Zeit  wurden  verschiedene  Anerbietungen  angesehener ­
  Verleger  an  mich  gerichtet,  Schriften  über  Qristoteles
zu  übernehmen.  Ich  habe  sie  aber  dankend  abgelehnt.  Mein

*  allerdingsmust  ich  anerkennen,  dastdervcrlaufmeineseigenenStrebens  mich
vielfach  vonSristoteles  entfernt  hat,  aber  ich  bleibe  ihm  dauernd  dankbar  für  feine  eingreifen ­
  de  Forderung.  ^.Ll.  Lange  hat  sich  in  feinem  grasten  Werke  Uber  denMaterialismus
  eingehend  mit  meinem  Buch  befchäftigl,  er  sieht  anders  als  ich  zu  Llristoteles,
  aber  er  hat  meine  Forschungen  sehr  anerkannt.  Lrfagt(Llnm.4y):  „In  diesem
mit  grostcr  gewifsenhaftigkeit  und  Sachkenntnis  vcrfastten  Büchlein  zeigt  sich
die  Ansicht,  welche  wir  längst  hegten,  glänzend  bestätigt,  dast  nämlich  gerade
die  neu-arisiotelifche  Schule,  welche  von  Trendelenburg  ausgegangen  ist,  fchliestlich
  am  meisten  dazu  beitragen  must,  uns  definitiv  von  llristoteles  zu  befreien.
Sei  Lucken  geht  die  Philosophie  auf  in  der  aristotelischen  Philologie;  aber  dafür
ist  auch  diese  Philologie  gründlich  und  objektiv.  Nirgends  findet  man  die
Schäden  der  aristotelischen  Methode  so  klar  und  übersichtlich  dargelegt  als  hier."
Sehr  anerkennend  hat  sich  damals  Lehrs  über  mein  Buch  ausgesprochen,  den
ersten  freundlichen  Brief  darüber  habe  ich  von  Ieller  empfangen.
            
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