Hauptzug ging schon damals entschieden nach der systema
tischen Philosophie, auch das Thema meiner nächsten Qrbeit
war mir völlig klar: ich wollte über „die metaphysischen Vor
aussetzungen der Lthik" schreiben; gewisse Entwürfe dazu be
wahre ich noch heute auf. Ich wollte dabei untersuchen, weiche
Fassungen der Metaphysik mit einer Lthik vereinbar seien; es
sollte dabei ein analytischer Weg eingeschlagen werden. Meine
akademischen Vorlesungen aber sollten vornehmlich die Hauptfragen
der gegenwärtigen Philosophie behandeln und dazu eine selbstän
dige Stellung nehmen. Vun aber warf jener Verlust mich gänzlich
aus der überlieferten Seelenlage und Stimmung. Ls wurde mir
sogar fraglich, ob ich überhaupt die akademische Laufbahn fest
halten sollte. Ich habe mich ernstlich damit beschäftigt, ob es nicht
meine Pflicht fei, mich an erster Stelle den grasten sozialen Pro
blemen zu widmen und dabei mit demSozialismus eineverbindung
zu suchen, freilich eine Verbindung freierer Ürt. Iene Tragen haben
mich von früh an beschäftigt, ich habe vieles darüber gelesen und
darüber gegrübelt, sie schienen ntir eng verbunden mit der not
wendigen inneren Erneuerung der Menschheit, die mir immer als
die Hauptsache galt. Wenn ich rasch jenen Weg als für mich ungang
bar erkannte, so bewirkte das namentlich der Linflust der flachen
negativen und positivistischen Denkweise, welche aus den führenden
geistern des Sozialismus sprach. Der Bahn Teuerbachs und Marx'
zu folgen, das war mir sowohl seelisch als wissenschaftlich ^unmög
lich. So blieb ich bei der überkommenen Lebensführung. Ilm der
lähmenden Stimmungen Herr zu werden, schien es mir zweckmästig,
mich innerlich in eine ganz andere gedankenwelt zu versetzen, die
meiner gemütslagc entsprach und auch zugleich manche Qn-
regungen bot. Zu diesem Zweck habe ich int Winter 1872 die
bedeutenderen Kirchenväter zusantnienhüngend durchgelesen und
mich in die von ihnen vertretene Welt vertieft. Die einzelnen Lehren
kümmerten mich dabei wenig, es war die grundrichtung des Lebens,
die mich fesselte und mir wohltat; im besonderen gedenke ich gern
des gregor von cklyffa und der spekulativen Hauptschriften des
Qugustin. Diese Quellenforschungen sind später auch den „Lebens
anschauungen der grasten Denker" zugute gekommen. einstweilen
blieb es in der philosophischen Qrbeit bei blosten Vorbereitungen.
Inzwischen hatte ich mich in Basel mehr und mehr eingelebt und
nrannigfache persönliche Beziehungen gewonnen. Wohltuend war
mir die geistesverwandtschaft, welche ich bei dem edlen und geist
vollen Steffensen fand, wohltuend der freundschaftliche Verkehr,
den ich von Ünfang an mit dem hervorragenden ckkational-
ökonomen Iülius Tleumann gewann. Lin besonders enges freund
schaftliches Verhältnis aber habe ich mit dem Kirchenhistoriker