Full text : Lebenserinnerungen

gesellschaftliche  Talent  der  Trau,  die  eine  Tochter  des  früheren
generalstabschefs  von  Krauseneck  war,  verbanden  sich  hier  aufs
beste.  Seebeck  lebte  ganz  in  der  klassischen  Zeit,  mit  der  ihn,  den
Sohn  des  bekannten  Physikers,  manche  persönliche  Lrirmerungen  verbanden. ­
  Das  Leben  hatte  ihn  vor  recht  verschiedenartige  Aufgaben
gestellt,  denen  er  sich  vollauf  gewachsen  zeigte;  schliestlich  fand  er
in  der  Stellung  des  Universitätskurators,  der  das  Zusammenwirken ­
  verschiedener  Staaten  eine  besondere  Bedeutung  gab,  eine
Tätigkeit,  welche  allen  seinen  Kräften  und  Wünschen  entsprach,
kr  war  im  gründe  Hegelianer,  aber  ein  solcher  freier  und
weiter  Ürt,  ihn  leitete  vornehmlich  der  gedanke  an  die  Sache  und
an  ihre  Torderung;  alles  Parteiwesen  war  ihm  zuwider,  subjektive
Sympathien  und  Llntipathien  traten  bei  ihm  gänzlich  zurück.  In
diesem  Sinne  hat  er  sehr  erfolgreich  für  die  Universität  Jena  gewirkt, ­
  die  der  Mittelpunkt  aller  seiner  Wünsche  war,  und  eine
nicht  geringe  Zahl  hervorragender  Persönlichkeiten  für  die  Universität ­
  gewonnen.  Zu  vielen  davon  stand  er  in  einem  herzlichen
Treundschaftsverhältnis.  Üuch  wustten  er  und  feine  weltgewandte
Trau  einen  feinen  und  geistig  bewegten  Kreis  um  sich  zu  versammeln; ­
  es  ruhte  auf  diesem  Kreise  noch  ein  Übglanz  goethischer
Denkweise,  alles  Niedrige  war  verbannt.  In  diesem  Kreise  habe  ich
später  meine  zukünftige  Lebensgefährtin  gefunden.*
Unter  den  damaligen  Kollegen  gab  es  eine  Tülle  bedeutender
und  sympathischer  Persönlichkeiten,  die  teilweise  weit  über  Jena,  ja
über  Deutschland  hinaus  bekannt  waren.  Haeckel  war  in  der
vollen  Kraft  und  Trifche  seines  Schaffens.  Lr  erregte  schon  damals ­
  viel  Streit,  aber  auch  diejenigen,  welche  seine  Weltanschauung
nicht  teilten,  mustten  sein  grostes  wissenschaftliches  und  künstlerisches ­
  Bermögen  unbedingt  anerkennen.  Dabei  war  er  voller
Verdienste  um  Jena  und  von  groster  Selbstlosigkeit;  verschiedene
glänzende  Nufe  lehnte  er  unbedenklich  ab,  um  in  Jena  frei  schaffen
zu  können.  Seebeck  hatte  den  Humor,  gegen  Haeckel  selbst  zu
Lustern:  „Sie  müssen  in  Jena  bleiben,  hier  schaden  Sie  noch  am
wenigsten!"  Unter  den  weiteren  Spitzen  der  Universität  stand  die
Theologie  voran,  jeder  Linzelne  verkörperte  dabei  auf  dem  gründe
einer  gemeinsamen  freieren  Denkweise  eine  eigentümliche  Ürt.  Hase
war  damals  schon  etwa  74  Jahre  alt,  aber  er  hat  noch  eine  ganze
.Keihe  von  Jahren  seine  Vorlesungen  mit  voller  Trische  gehalten  und
auch  literarisch  unermüdlich  weiter  geschafft.  Lr  hatte  eine  sehr  liebenswürdige ­
  Llrt,  sich  zu  den  Menschen  zu  stellen  und  jeden  in  seiner

*  Ich  selbst  habe  in  meinen  „gesammelten  Llufsätzen"  ein  Lebensbild  von
Leebeck  entworfen.  Lluch  Kuno  bischer  hat  über  diesen  eingehend  geschrieben:
,Erinnerungen  an  Moritz  Leebeck"  1886.
            
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