Full text : Lebenserinnerungen

Lrfahrung  in  Natur  und  Menschenleben  zu  größerer  geltung
bringen,  auch  den  Befund  der  geschlchte  sorgfältiger  und  unbefangener ­
  würdigen.  So  hat  er  dem  Streben  mehr  Besonnenheit
und  Umsicht  verliehen.  Über  so  schätzbar  die  daraus  erwachsenden
Leistungen  waren,  sie  brachten  keine  selbständige  grundrichtung,
sie  gaben  dem  Leben  keine  neue  gestaltung,  wie  unsere  zerrissene
und  gärende  Zeit  sie  verlangt.  Der  hier  gebotene  Idealismus  war
mehr  eine  Übwehr  des  vordringenden  Realismus,  mehr  ein  festhalten ­
  überkommener  Ziele  als  ein  ursprüngliches  Schaffen  aus
dem  ganzen,  als  ein  Eröffnen  neuer  Bahnen  aus  der  weltgeschichtlichen ­
  Lage  der  gegenwart.
So  war  es  begreiflich,  dast  auf  philosophischem  gebiet  der
Positivismus  siegreich  vordrang.  £r  nahm  seine  Stellung  ausschließlich ­
  in  dem  von  der  Erfahrung  gebotenen  Dasein  und  kannte
keine  selbständige  Tatwelt,  er  schob  das  Weltproblem  als  vom
Menschen  unlösbar  zurück  und  suchte  als  „wissenschaftliche"
Philosophie  sich  aller  Metaphysik  zu  entledigen,  ihm  wurde  die
Philosophie  vorwiegend  zu  einer  systematischen  Ordnung  der
£inzelwi>senschaften.  Ohne  Zweifel  hat  sowohl  seine  Kritik  Überkommenergedankenmassen ­
  als  sein  unmittelbares  Erfassen  der  Breite
der  Wirklichkeit  vieles  in  flust  gebracht,  aber  sein  Unternehmen,
von  außen  nach  innen  zu  bauen  und  die  ganze  Wirklichkeit  in  ein
gewebe  von  Beziehungen,  damit  aber  in  eine  bloße  Üußenwelt  zu
verwandeln,  konnte  unmöglich  den  Bedürfnissen  des  deutschen
geistes  genügen;  es  ist  kein  Zufall,  daß  große  Posikivisten  wohl
frankreich  und  Lngland,  nicht  aber  Deutschland  geliefert  hat.
Noch  weniger  konnte  eine  materialistische  Populürphilosophie
in  der  llrt  Haeckels  und  der  Monisten  der  Tiefe  des  deutschen  geistes
entsprechen.  Oie  subjektive  gesinnung  dieser  Populärdenker  sei  in
keiner  Weise  bestritten,  sie  glaubten  mit  ihrer  Uerstandesaufklärung
das  menschliche  Leben  von  Irrtum  und  Wahn  befreien  zu  können,
sahen  aber  nicht  die  gähnende  Leere,  welcher  ein  solches  Unternehmen
unrettbar  verfiel.  Ihr  Unternehmen  wäre  aber  mit  seiner  Dürftigkeit ­
  nicht  so  sehr  in  die  Massen  eingedrungen,  wenn  nicht  das  ganze
des  deutschen  Lebens  alles  festen  und  erhöhenden  Zieles  entbehrt
hätte;  die  im  Durchschnitt  gebotene  gedankenwelt  war  ein  gemisch
von  Intellektualismus  und  Naturalismus,  ein  geistiger  Tiefstand
war  nicht  zu  verkennen;  spätere  Zeiten  werden  sich  darüber  wundern,
wie  es  möglich  war,  daß  ein  Volk,  das  Männer  wie  Leibniz,  Kant,
Hegel  hervorgebracht  hat,  so  sehr  von  allen  guten  geistern  verlassen
war  und  sich  seinerÜrmut  wohl  noch  besonders  rühmte.  Die  hier  gebotene ­
  Kultur  hatte  alle  Vorzüge,  aber  auch  alle  Schranken  einer
bloßen  Ürbeitskultur;  wir  waren  tüchtige  Qrbeiter,  aber  wir  waren
flache  Menschen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.