Full text : Lebenserinnerungen

einer  Personalwelt  entwickeln  müssen  und  nur  in  Verbindung  mit
ihr  einen  geistigen  gehalt  erlangen;  es  wurde  damit  ein  Kultursystem
des  universalen  Aelbstlebens  erstrebt.  Qbschliestend  wurden  als
die  grundfehler  des  Waturalismus  und  des  Intellektualismus
folgende  angeführt:  der  Naturalismus  irrt  darin,  dast  ihm  das,
was  die  Watur  im  Lrlebtwerden  vom  geiste  wird  und  leistet,  als
aus  ihren  eigenen  Kräften  hervorgebracht  gilt,  und  dast  damit
bloste  Bedingungen  des  Geschehens  für  feine  schaffenden  gründe
ausgegeben  werden.  Der  Intellektualismus  aber  irrt  darin,  dast  er
den  geistes-  und  den  gedankengehalt  gleichsetzt  und  die  Denk-Operationen
  nicht  als  die  Torrn,  sondern  als  den  Kern  der  Wirklichkeit ­
  behandelt.
gegen  die  nähere  gestalkung  beider  Bücher  war  manches  einzuwenden. ­
  Zunächst  bin  ich  in  dem  5treben,  die  Darstellung  lebendig
und  anschaulich  zu  gestalten,  nicht  selten  ins  gekünstelte  und  gezierte ­
  verfallen;  ich  wollte  etwas  unmittelbar  erzwingen,  was  sich
nur  durch  eigene  Erfahrung  und  Weiterarbeit  erreichen  lästt;  vor
allem  aber  war  der  Inhalt  vielfach  noch  nicht  zur  nötigen
Klarheit  und  gefchlofsenheit  durchgearbeitet.  Immerhin  war  das
Ltreben  nicht  wertlos,  und  es  hat  mich  selbst  weitergeführt.  Die
Qufnahme  meines  Werkes  war  recht  kühl.  Ich  must  mit  Dank
anerkennen,  dast  ein  hervorragender  Morscher  wie  Professor
Watorp  es  eingehend  würdigte,  und  dast  der  viel  zu  früh  verstorbene ­
  vortreffliche  Leydel  in  Leipzig  mit  groster  Wärme  auf  die
Bedeutung  meines  Ltrebens  hinwies.  Über  das  waren  einzelne
Ltimmen.
Lin  gegenstück  und  eine  Lrgänzung  fenes  systematischen  Werkes
bildeten  „Die  Lebensanschauungen  der  grasten  Denker"  (i8yo).
Diesen  gegenständ  hatte  ich  schon  in  Basel  als  eine  Vorlesung  behandelt ­
  und  dafür  sofort  viel  Teilnahme  gefunden.  Ls  würde  dabei
versucht,  die  gedankenwelten  der  grasten  Denker  von  innen  aus
zu  beleben  und  die  hier  gebotene  gestaltung  des  Menschenlebens  anschaulich ­
  darzustellen.  Das  Werk  forderte  eine  gründliche  Forschung,
aber  diese  Forschung  mustte  im  Hintergründe  bleiben,  um  die
Hauptsache  nicht  zu  schädigen;  der  Lchneider  sollte  nach  dem  Qusdrucke
  Leibniz'  „die  Wähle  nicht  sehen  lassen".  Quch  dies  Buch  blieb
anfänglich  unbeachtet.  Lin  lebhafteres  Interesse  hat  es  zuerst
in  Wien  gefunden.  Dann  aber  ging  es  rasch  vorwärts,  dem  Lrschemen
  der  2.  Quflage  (1896)  folgte  rasch  Lluflage  über  Quflage,
und  augenblicklich  ist  die  iz.  und  16.  Quflage  im  Druck,  Natürlich
war  ich  eifrig  bemüht,  das  Werk  sowohl  in  der  Torrn  als  im  Inhalt
weiter  und  weiter  zu  verbessern  und  alle  Lchwächen,  welche  meiner
Darstellung  anhingen,  möglichst  zu  heben.  Das  Buch  ist  fetzt  in
eine  groste  Qnzahl  fremder  sprachen  übersetzt.
            
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