Full text : Lebenserinnerungen

Bemerkenswert  war,  dast  die  Zuerkennung  jenes  Preises  fast
mehr  Zustimmung  in  der  französischen  Presse  als  in  der  deutschen
fand.  Ohne  Zweifel  waren  manche  von  meinen  Landsleuten
erstaunt,  mich  unter  jenen  Preisträgern  zu  finden.  Von  mancher
privaten  Leite  wurde  mir  aber  viel  herzliche  Gesinnung  erwiesen.
So  gedenke  ich  mit  dankbarer  Wehmut  der  herzlichen  Worte,  die
Lrnst  von  Wildenbruch  bei  diesem  llnlast  an  mich  richtete;  er  selbst
wäre  besonders  geeignet  und  berufen  gewesen,  jenen  preis  zu
empfangen,  aber  feine  graste  Leele  war  frei  von  jedem  Neid.
Lngland.
|7ach  Zuerteilung  jenes  Preises  häuften  sich  sowohl  die  Über-9J
  G-setzungen  als  auch  die  Linladungen  ins  Üusland.  Weine
wissenschaftliche  Ürbeit  aber  ging  ununterbrochen  fort;  ich  habe  in
diesen  Jahren  neben  kleineren  Lachen  und  neuen  Lluflagen  zunächst
die  Lchrift  „Können  wir  noch  Lhristen  sein?"  (lyn)  veröffentlicht.
£s  war  mir  eine  innere  Notwendigkeit,  an  diesem  Punkte  meine
Überzeugung  klar  und  kräftig  auszusprechen.  Der  Lrfolg  dieser
Lchrift  hat  mich  enttäuscht,  gewist  habe  ich  nicht  den  rechten  Ton
getroffen,  um  die  Trage  anschaulich  und  eindringlich  zu  machen;
voraussichtlich  werde  ich  aber  später  auf  das  Problem  zurückkommen. ­
  lyi2  brachte  die  Lchrift  „Lrkennen  und  Leben";  sie  sollte
ein  grösteres  Werk  über  Lrkenntnislehre  und  Lebensgestaltung  einleiten. ­
  Lie  war  von  vornherein  als  ein  Ltück  eines  grösteren
Werkes  gedacht,  das  schliestlich  unter  dem  Titel  „Wensch  und
Welt"  zuerst  1918,  dann  in  zweiter  lluflage  1920  erschienen  ist;
der  Krieg  hat  die  Fortführung  dieser  Probleme  arg  verzögert,  aber
an  der  Hauptsache  habe  ich  auch  den  ganzen  Krieg  hindurch  gearbeitet. ­

Von  den  Linladungen  war  mir  zunächst  die  wichtigste  die,  welche
1911  von  Lngland  an  mich  kam.  Nächst  dem  skandinavischen
Norden,  dem  ich  mich  besonders  verwandt  fühlte,  hatte  ich  besonders ­
  viele  sachliche  und  persönliche  Beziehungen  zu  Lngland,  und
es  schien  mir  wichtig,  diese  weiter  zu  entwickeln.  Lnglische  und
deutsche  Ürt  schienen  zu  gegenseitiger  Lrgänzung  berufen.*

*  3n  der  Lchrift  „ErPennen  und  Leben"  S.  72ff.  habe  ich  dies  Problem  weiter
ausgeführt.  ltls  die  Ltärke  des  Deutschen  erscheint  die  Entwersung  von  Weltgedantcn
  und  die  Weite  des  geistigen  Horizontes,  auch  das  vermögen,  systematisch ­
  und  methodisch  zu  wirten;  er  kann  danach  streben,  den  INenschen  über
alle  Umgebung  hinauszuheben  und  die  ganze  Unendlichkeit  in  seiner  Seele  zu  beleben; ­
  auch  seine  wissenschaftliche  und  technische  llrbeil  kann  es  mit  der  aller  Völker
aufnehmen,  über  der  Deutsche  verbleibt  leicht  bei  grübelnder  ltleflerion.  auch
            
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