Full text: Lebenserinnerungen

Störung meiner wissenschaftlichen Pläne dadurch befürchtete, aber 
Trau und Tochter haben mich bald bewogen, sene Linladung gern 
anzunehmen. Ls wurde von Berlin aus alles sorgsam und um 
sichtig eingerichtet, und so schifften wir drei uns guten Mutes nach 
llmerika ein. Die Ozeanreise war nicht stürmisch, nur etwas mehr 
als einen Tag habe ich selbst ein wenig darunter gelitten, sonst aber 
empfand ich sehr den unvergleichlichen Zauber einer solchen Ozean 
reise mit ihren gewaltigen Lindrüchen. Die Linfahrt nach Vew pork 
war großartig. Die Zollschwierigkeiten wurden dank meiner Pässe 
rasch überwunden. Irgendwelche Begrünung vom deutschen Kon 
sulat fehlte trotz des Hinweises in den Zeitungen; es waren drei 
Amerikaner, die mich freundlichst begrüßten. Ich habe überhaupt 
gefunden, daß von amtlicher Seite wenig für deutsche gelehrte ge 
schah. persönlich bin ich wohl mit dem englischen Botschafter 
Lord Brpce, nicht aber mit dem deutschen Botschafter in nähere 
Beziehung gekomnten. Merkwürdig war auch der offizielle Lm- 
pfang im gegensatz zu Berlin: In Berlin pflegte der Kaiser die 
Antrittsvorlesung des Qustaufch-Professors anzuhören und sich 
eingehend mit den Herren zu unterhalten; auch für ihre Wohnung 
wurde im voraus bestens gesorgt. Lils ich m Lambriöge 
eintraf, war natürlich meine erste Llufgabe, mich dem Präsidenten 
Lowell persönlich vorzustellen. Lr empfing mich freundlich, erwähnte 
aber in keiner Weise irgendwelche Feierlichkeit zu meiner Linführung, 
sondern meinte einfach: Sie können gleich anfangen. Lluch war 
man in Lambridge nicht erbaut darüber, daß ich von Ünfang an 
erklärt hatte, meine amtlichen Vorlesungen nur in deutscher Sprache 
zu halten. Diese Vorlesungen selbst haben mich aber sehr erfreut. 
Die eigentlichen Privatvorlesungen hatten eine beschränkte Zuhörer 
zahl, es waren etwa 20 Studenten, ähnlich stand es mit meinen 
philosophischen Übungen; aber die Hörer waren sehr bei der Sache, 
und es hat sich ein sehr herzliches Verhältnis zwischen uns ent 
wickelt; schließlich mußten wir uns alle zusammen photographieren 
lassen. Anders stand es bei den öffentlichen Vorlesungen. Hier 
wurde nur eineStunde wöchentlich angesetzt, dieseStunde aber durch 
die Blätter verkündet. So versammelte sich hier ein großes Publikum 
aus den besten Ständen von Boston, ich habe viele Zeichen freund 
licher Teilnahme aus diesen Kreisen empfangen. Lluch die gesell 
schaftlichen Beziehungen gestalteten sich sehr angenehm. In der 
ersten Zeit wurden wir drei auf eine Keihe von Tagen im Hause 
von Professor Ldward Moore in gütigster Weise aufgenommen. 
Später wohnten wir in einem großen Hotel in Boston. Von den 
gelehrten stand ich namentlich dem leider so früh verstorbenen 
Münsterberg nahe. Lr und die Seinigen haben alles getan, uns 
den dortigen Aufenthalt angenehm zu machen. Lin großer Vorteil
	        
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