Full text : Lebenserinnerungen

jenes  Bostoner  Aufenthaltes  war  die  Nähe  des  Ozeans,  wir  konnten
uns  dort  angesichts  der  Wellen  ergehen  und  hatten  namentlich ­
  bei  eintretender  Übenddämmerung  wunderbare  Bilder  von  der
großen  Ltadt  und  ihrem  Hafen.  Bon  Boston  aus  habe  ich  nach
dortiger  Litte  eine  Neihe  von  Vorlesungen  an  verschiedenen  Orken
gehalten.  Besonders  wertvoll  war  uns  der  gewaltige  Lindruck  des
Niagara,  dessen  weiteren  Lauf  wir  unmittelbar  in  einer  Privateisenbahn ­
  verfolgen  dursten.  Unser  Bostoner  Üufenthalt  ging  mit
demIanuar  zu  Lüde.  Wir  haben  uns  dann  nach  New  Port  begeben,
wo  uns  im  sogenannten  Deutschen  Haus  der  Lolumbia-Universität
ein  eignes  Heim  zur  Verfügung  gestellt  wurde.  Die  gewaltige
Ltadt  mit  ihrer  herrlichen  Lage  fesselte  uns  sehr.  lluch  sind  wir
dort  in  sehr  verschiedene  Kreise  gekommen,  selbst  in  die  der  hohen
Finanz,  die  uns  übrigens  sehr  freundlich  und  nicht  protzig  aufnahmen. ­
  Die  akademischen  Kreise  begrüßten  mich  und  die  Weinigen
sehr  freundlich.  Präsident  Butler  gab  mir  und  Bergson,  der  damals
gleichzeitig  mit  mir  einige  Vorlesungen  hielt,  ein  solennes  Diner,
das  höchst  anregend  verlief  und  uns  beide  in  lebhafte  gespräche
führte  (wir  sprachen  dort  englisch).  Lluch  ein  großer  Nout  wurde
uns  zu  Lhren  gegeben;  jeder  von  uns  beiden  war  dabei  von  einer
großen  Lchar  von  Herren  und  mehr  noch  von  Damen  umgeben
und  mit  tragen  bestürmt.  Trau  und  Tochter  sorgten  genügend
dafür,  daß  ich  dabei  keinen  Hunger  und  Durst  hatte;  schlimmer
ging  es  Bergson,  der  ohne  Begleitung  war  und  sich  vor  den  Damen
nicht  retten  konnte;  ich  habe  ihn  schließlich  mit  gewalt  aus  jenem
Kreise  herausgeholt  und  für  fein  leibliches  Wohl  gesorgt.
Der  Üufenthalt  in  New  pork  gab  mir  auch  volle  gelegenheit,
mich  über  das  deutsche  Leben  in  Ümerika  näher  zu  unterrichten.
Treilich  bestand  für  mich  wegen  Zeitmangel  keine  Möglichkeit,  mich
nach  dem  Westen  zu  begeben,  wo  ich  mehr  deutsches  Leben  angetroffen ­
  hätte.  Was  ich  aber  im  Osten  traf,  war  vom  deutschen
Ltandpunkt  aus  wenig  erfreulich.  In  Boston  bestand  ein  deutscher
Verein,  und  als  ich  dort  einmal  Uber  die  weltgeschichtliche  Bedeutung ­
  des  deutschen  geistes  sprach,  war  der  öaal  übervoll.  Über
die  Treunde  sagten  mir,  daß  sich  selten  eine  größere  Zahl  an  den
deutschen  Bestrebungen  beteilige;  charakterisiisch  war  es  auch,  daß
sich  in  unserem  großen  Hotel  keine  einzige  deutsche  Zeitung  befand,
und  daß  ich  dort  Nlühe  hatte,  mir  die  New  porker  Staats-Zeitung
zu  besorgen.  Das  war  ja  nun  in  New  Port  besser,  deutsche  Zeitungen ­
  konnte  ich  hier  zur  genüge  erhalten,  aber  im  gesamtleben
spielte  das  deutsche  Leben  doch  auch  hier  eine  recht  bescheidene  Nolle.
Wan  merkte  kaum,  daß  in  New  pork  mehrere  hunderttausend
Deutsche  waren.  Ungünstig  für  die  Lrhaltung  des  deutschen  Lle  -
ments  wirkte  bei  den  Ltädten,  daß,  während  früher  die  Deutschen
            
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