Full text : Lebenserinnerungen

geschlossener  wohnten  und  mit  den  andern  Bewohnern  weniger  in
enge  Beziehungen  kamen,  die  modernen  Verkehrsverhältnisse  derartige
Unterschiede  stark  verwischt  und  die  verschiedenen  Bevölkerung«-elemente
  bunt  durcheinander  gewürfelt  haben.  Lluch  die  Volksschulen,
die  sogenannten  Public  Hchools,  haben  sehr  dazu  beigetragen,  alle
Unterschiede  aufzuheben.  Lin  Hauptgrund  der  Kraftlosigkeit  des
deutschen  Lebens  war  der  Ivangel  eines  Zentrums  für  das  deutsche
geistige  Leben.  Lluch  die  Höhne  der  Deutschen  wurden  unwillkürlich
in  die  englische  Denkweise,  fa  in  die  Terminologie  hineingetrieben.
Ich  selbst  erlebte  den  charakteristischen  Tall,  dast  der  philosophisch
sehr  begabte  Hohn  einer  hochstehenden  deutschen  Tamilie  im  gewöhnlichen ­
  Leben  die  deutsche  Lprache  vollauf  beherrschte  und  sich
überhaupt  als  ein  Deutscher  fühlte,  aber  in  graste  Lchwierigkeiten
geriet,  sobald  er  technisch  philosophische  Tragen  mit  mir  besprach.
Ivie  die  Verhältnisse  in  Llmerika  waren,  lag  die  Zefahr  nahe,  die
deutsche  Denkweise  als  eine  subalterne  zu  behandeln.  Dagegen  hätte
weit  mehr  von  Deutschland  selbst  getan  werden  müssen.  Ivan  hätte
durch  deutsche  hochgebildete  Lehrer,  auch  durch  die  Förderung  kleiner
Bühnen,  regelmästiger  Vorträge  usw.  sehr  viel  mehr  wirken  können,
um  das  deutsche  Leben  zusammenzuhalten  und  sein  Kulkurbewusttsein
  zu  heben.  Die  offiziellen  Behörden  aber  taten  so  gut  wie  nichts  für'
dieses  Ziel,  und  auch  unsere  heimische  presse  hat  sich  viel  zu  wenig
dieser  wichtigen  Hache  angenommen.  Wir  müstten  regelmästige
Korrespondenten  zwischen  Deutschland  und  Llmerika  besitzen;  fo
aber  blieb  aller  Llustausch  zufällig,  und  die  einheimischen  Deutschen
pflegten  sich  der  Deutschen  in  Llmerika  nur  zu  erinnern,  wenn  es
irgendwelche  Hammlung  zu  veranstalten  galt.  Die  Llustausch-Professoren
  aber  haben  bei  der  Kürze  ihres  Liufenthaltes  wenig  dafür
wirken  können;  diefe  Linrichtung  müstte  wesentlich  anders  gestaltet
werden,  wenn  sie  nicht  mehr  dem  Lchein,  als  der  Lache  dienen  sollte.
Vast  die  Llustauschprofefsur  uns  persönlich  mit  einer  Tülle  tüchtiger
und  liebenswürdiger  Ivänner  und  Trauen  zusammenführte,  ist
eine  andere  Lache.  —  Übrigens  wurde  ich  in  vew  pork  ebenso
freundlich  aufgenommen  wie  in  Lambridge,  obschon  ich  dort  nicht
Llustauschprofessor  war;  der  bloste  Titel  macht  in  Llmerika  wenig
aus.  vonvewpork  aus  haben  wir  weitere  Llusflüge  gemacht,  und
ich  habe  an  verschiedenen  Orten  Vorlesungen  gehalten,  so  z.  B.  kn
Philadelphia  und  in  Baltimore.
Ich  kann  diesen  Kückblick  auf  die  ganze  Zeit  nicht  abschliesten,
ohne  der  vielen  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  gedenken,  welche
uns  geboten  wurden.  Ls  waren  Ivänner  und  Trauen  mit  verschiedenen ­
  Interessen,  aber  sie  alle  begegneten  uns  in  liebenswürdiger
lveise  und  suchten  uns  den  Llufenihalt  angenehm  zu  machen,  von
mehreren  Universitäten  wurde  ich  honoris  oausa  promoviert,  so
            
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