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um Waren und Wechsel zu handeln, trieben auch Handel in Effekten.
So sind Waren- und Effektenbörsen in Deutschland vielfach nicht getrennt,
und auch das deutsche Börsengesetz enthält manche gemeinsame Bestim
mungen für Effekten- und Warenbörsen.
Zur Abhaltung der Börsenversammlungen wies Friedrich Wilhelm I.,
der ebenso wie Friedrich der Große den Börsenhandel zu fördern bestrebt
war, den Berliner Kaufleuten ein Haus am Lustgarten, in der Nähe des
königlichen Schlosses, an. Die Versammlungen — Morgensprachen
genannt —, die anfangs nur zwei- bis dreimal wöchentlich abgehalten
wurden, fanden seit 1761 täglich statt.
In einem Kurszettel aus dem Jahre 1805 finden wir 8 „Wechsel-"
6 „Geld-" und 11 „Fondskurse" notiert. Unter den Fondskursen befanden sich
die Aktien der von Friedrich dem Großen errichteten Tabaks-Regie-Gesellschaft,
der Seehandlung und der Emdener Herings-Kompagnie, ferner Pommersche,
Kur- und Neumärkische, Westpreußische und Ostprenßische Pfandbriefe.
Größere Bedeutung erlangten die deutschen Börsen, insbesondere die
Börsen von Berlin und F r a n k f u r t a. M., erst in den ersten Jahr
zehnten des 19. Jahrhunderts, als zahlreiche Emissionen von Staats
anleihen stattfanden. Bis etwa 1866 standen die Börsen von Berlin und
Frankfurt a. M. gleichberechtigt nebeneinander. Als Berlin dann Haupt
stadt des maßgebenden deutschen Bundesstaates und 1870 Reichshauptstadt
wurde, das Bankwesen dort einen gewaltigen Aufschwung nahm und der
alte Satz sich bewahrheitete, daß alles wirtschaftliche Leben sich nach dem
politischen Mittelpunkt hinbewege, erlangte die Berliner Börse mehr und
wehr eine überragende Stellung. Frankfurt, Hamburg und alle anderen
Provinzbörsen klagten über die wachsende Übermacht der Berliner Börse.
Mit am meisten litt vielleicht dieBreslauerBörse. Ihre Mitglieder
zahl war von 678 (1875) auf 186 (1904) zurückgegangen. Der Umsatz des
Breslauer Effekten-Saldierungsvereins, der 1881 noch 350 Millionen M
betragen hatte, war 1903 auf 7 Millionen M zusammengeschrumpft.
Allerorten wurden Eisenbahnen gebaut, wozu große Kapitalien erforder-
lich waren. Da eine einzelne Person das Kapital unmöglich aufbringen
konnte, entstanden Kapitalvereinigungen. Zahlreiche Aktien
gesellschaften wurden in rascher Reihenfolge begründet, und ihre
Anteilscheine, Aktien, bildeten einen beliebten Gegenstand des Handels
und der Spekulation. Durch die Eisenbahnen wieder wurden neue Gebiete