194 Neuntes Buch. Zweites Kapitel.
schem Boden entsprungen ist, was französischer Einwirkung: denn
wie bei allen großen Rezeptionen wurde vom Fremden nur das
aufgenommen, was sich bei ungestörtem weiteren Verlaufe der
heimischen Entwickelung wohl in gleicher oder ähnlicher Form
aus eignen Mitteln würde entfaltet haben.
Immerhin aber darf vielleicht ausgesprochen werden, daß
der Abschluß, die Höhe des ritterlichen Frauendienstes auch in
Deutschland wesentlich französische Formen trug. Dem franzö—
sischen Einfsuß entstammte die Überspanntheit der Gemüter,
die Romantik der Gefahren und Abenteuer, das weltverlorene
Hinausstreben in die Ferne, die ganze nervöse Unruhe und
prickelnde Unthätigkeit, die dem Ritter der Wende des 12. und
13. Jahrhunderts auch in Deutschland den Charakterzug leihen.
Jetzt erst wurde Männerruhm und Frauenliebe im Bunde,
aufgebauscht zu daseinslosem Idealismus, der vollste Mittelpunkt
ritterlichen Strebens. Nicht der Nachruhm des Sängers nach
—DDDDD—
schaft, wie einst den germanischen Helden oder später den
geistigen Kämpfer, den Dichter, den Forscher: ihr galt nur der
sinnliche Lohn des Augenblicks in den Armen der Liebe. So
verband sich Frauenverehrung und Waffenstolz: nur der Freude
halber schienen die Frauen da zu sein:
Durch vröude vrouwen sint genant,
Ir vröôude ervröuwet elliu lant;
Wie wol er vröude kante,
Der sie erste vrouwen nante!
Doch trotzdem bot die Frau dem singenden Ritter zumeist
nicht, und nach feinster höfischer Weise wohl niemals die sichere
Aussicht des Genusses, sondern wies vielmehr hin auf die
Süßigkeit schmachtender Entsagung. Damit entwickelte sich die
Verehrung der Frau zum Kultus einer Halbgöttin; schon schien
es Vielen Lohns genug, ein freundliches Wort aus holdem
Munde zu hören, ja mancher Ritter warb hohen Preis um
eine Frau, die seine Neigung nicht einmal kannte, und lebte in
ausgesprochener Resignation nach dem Grundsatz: wenn ich dich
liebe, was geht es dich an?