464 VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus.
Bild nach den allgemeinen Verhältnissen des Mittelalters zu ge-
winnen Jsuchen.
Keutgen beruft sich auf die hohen Warenumsäte, die sich
für die mittelalterlichen Städte nachweisen lassen. Er glaubt
daraus auf einen bedeutenden Großhandel schließen zu können.
Sombart findet umgekehrt die mittelalterlichen Warenumsätze
klein. Es kommt natürlich auf das Objekt an, mit dem man sie
vergleicht. Eines aber ist unbestreitbar: unsere Quellen zeigen
deutlich, daß der Handel sich auf sehr viele Personen verteilt.
Und das beweist eben die Existenz eines zahlreichen kleinen
Kaufmannsstandes!).
Wenn ich hiernach meine Ansicht, der Sombart beigestimmt
hat, glaube festhalten zu können, so schließt das nicht aus, daß
ich im einzelnen sein Urteil zu kraß finde. Daß er z. B. den Lü-
bischen Handel für sehr minderwertig erklärt und Lübeck eine
„rückständige“ Stadt nennt, ist eine ganz unangebrachte Behaup-
tung?). Doch solche Meinungen mögen auf sich beruhen. Es
ist für den Zusammenhang dieser Erörterung nicht notwendig,
darzulegen, in welchem Umfang Masssengüter Gegenstand des
Handels im Mittelalter gewesen sind, wie ferner bei geringen
Quantitäten die Warenwerte doch hoch sein konnten?). Geben
wir ohne weiteres zu, daß das Quantum viel geringer war als
heute. Wichtiger ist es, welche Folgerungen man aus der Tat-
1) Darum ist es aber noch nicht richtig, jenen vorhin (S. 462 Anm. 2)
erwähnten Vergleich zu ziehen. ~ Über die Einzelheiten des kauf-
männischen Betriebes im Mittelalter bringt Sombart mancherlei
Lehrreiches. Ergänzungen dazu bieten Luschin. v. Ebengreuths Schil-
derung des Handels in der Geschichte der Stadt Wien (H. Z. 91,.295)
und Stieda, Über Quellen der Handelsstatistik im Mittelalter, S. A.
aus den Abhandlungen der Berliner Akademie 1902. Letzterer ur-
teilt (S. 22 ff.) über die mittelalterliche Buchführung doch wohl etwas
günstiger als Sombart (S. 179). Zusammenfassender Überblick:
Sieveking im „Grundriß der Sozialökonomik“ V., 1, S. 10 ff.
2) Berechtigter Widerspruch bei Rörig, Hist. V.j.schr. 1919, S. 114.
s) Lehrreich hierüber D. Schäfer, Hansestädte und König Waldemar
§.210 if. j, Hsplle, Hansische Gbl. 1912, S. 88 f.; Sieveking im „Grund-
ri „ 1, S. 22.