Full text : Kapitalismus und Sozialismus

130  II,  3-  Sozialismus  und  Individualismus  in  wirtschaftlicher  Hinsicht

Unter  diesen  Umständen  ist  es  verständlich,  daß  der  Sozialismus
auf  den  Nachweis  große  Mühe  verwendet,  daß  die  heutige  Wirtschaftsordnung ­
  an  technisch-wirtschaftlicher  Rückständigkeit  leide,  daß
sie  der  Entfaltung  der  Produktivkräfte  Fesseln  anlege.  Wie  ein  roter
Faden  zieht  sich  dieser  Gedanke  durch  die  sozialistische  und  die
sozialistelnde  Literatur,  von  Robert  Gwen  und  Sismondi  an
bis  zu  Hertzka  und  May?«)  Er  ist  ebenso  alt  wie  überhaupt  die
sozialistische  Kritif  an  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung,  ohne
freilich  im  Laufe  der  Zeit  richtiger  geworden  zu  sein.
Und  die  Berechnungen,  die  von  sozialistischer  Seite  über  das  Maß
angestellt  werden,  in  dem  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  die
Produktion  hinter  dem  technisch  erreichbaren  Maße  zurückbleibt  und
demgemäß  auch  der  Ronsum  der  Bevölkerung  künstlich  zurückgehalten ­
  wird,  sind  allerdings  auch  so  beschaffen,  daß  nach  ihnen  die  Besserung, ­
  die  der  Übergang  zum  Sozialismus  mit  sich  bringen  wird,
im  hellsten  Lichte  erstrahlen  muß.  Th.  Hertzka  z.B.  kommt  bei
einer  Berechnung  hierüber  in  seinem  1886  erschienenen  Buche  „Die
Gesetze  der  sozialen  Entwicklung"  zu  folgendem  Ergebnis.  Aufstellungen, ­
  die  er  speziell  auf  Grund  der  österreichischen  Produktionsverhältnisse ­
  macht,  sollen  angeblich  beweisen,  daß  höchstens
20o/o  der  verfügbaren  Arbeitskraft,  mit  modernen  Produktionsmitteln ­
  ausgerüstet,  genügen  würden,  um  den  gesamten  Ronsum
des  Landes  zu  decken.^)  Es  ist  nur  natürlich,  wenn  er  im  Hinblick
30)  vgl.  die  —  freilich  gänzlich  unkritische  —  Übersicht  über  die  Entwicklung ­
  dieses  Gedankens  in  der  Schrift  von  E.Hellwig,  Oie  Theorien  über
den  Zusammenhang  von  Produktion  und  Kaufkraft.  Berlin  1913.
31)  Es  ist  hier  nicht  der  Vrt,  alle  die  Rechenfehler,  durch  die  Hertzka
zu  seinem  ungeheuerlichen  Ergebnis  kommt,  im  einzelnen  aufzudecken.  Bei
einigen  geschieht  dies  ohnehin  schon  durch  die  weiter  folgenden  Darlegungen ­
  des  Textes.  Über  wenigstens  einer  der  Hauptirrtümer,  durch  die
Herhka  zu  feinem  falschen  Resultat  kommt,  sei  hier  mit  einigen  Worten  angemerkt. ­
  Das  ist  das  überhaupt  für  viele  Sozialisten  charakteristische  Übersehen ­
  des  Gesetzes  des  abnehmenden  Bodenertrags  und  seiner
Bedeutung  für  die  Entwicklung  der  Arbeitsproduktivität  in  der  Landwirt-
            
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