Full text : Kapitalismus und Sozialismus

IV

Vorwort

am  Jahresschluß  nicht  mehr  so  ungestüm  wie  in  den  ersten  Monaten
des  Jahres.  Nllein  wir  dürfen  uns  darüber  nicht  täuschen:  die  größte
wirtschaftliche  Not  liegt  wohl  noch  vor  uns.  Uns  droht  das  gleiche
wirtschaftliche  Schicksal,  das  über  Österreich  bereits  hereingebrochen
ist.  Im  nächsten  Winter,  wenn  nicht  schon  früher,  können  die  deutschen ­
  Großstädte  sich  in  derselben  verzweifelten  Lage  befinden,  in
die  Wien  jetzt  schon  geraten  ist:  Nus  dem  Inlande  können  sie  nicht
mehr  in  genügendem  Maße  ernährt  werden,  und  um  die  unentbehrlichen ­
  Nahrungsmittel  im  Nuslande  anzukaufen,  fehlen  bei  dem  kataftrophalen
  Rückgang  der  Valuta  die  Mittel.  Diese  Situation  muß
unvermeidlich  eintreten,  wenn  nicht  bald,  sehr  bald  bei  unseren
bisherigen  Gegnern  die  Besinnung  wiederkehrt,  und  sie,  soweit  sie
selbst  noch  wirtschaftlich  leistungsfähig  sind,  nicht  noch  rechtzeitig  zu
einer  Hilfsaktion  größten  Stils  sich  verbinden.  Bleibt  diese  Hilfe  aber
aus,  dann  tritt  auch  die  kommunistische  Versuchung  wieder  an  Deutschland ­
  heran,  dann  werden  alle  die  jetzt  mühsam  gebändigten  unterirdischen ­
  Rräfte  noch  einmal  entfesselt,  die  zu  kommunistischen  Experimenten ­
  nach  russischem  Muster  hindrängen  und  die  auch  durch
die  inzwischen  in  Ungarn  und  München  sowie  in  Rußland  selbst  gemachten ­
  Erfahrungen  nicht  belehrt  worden  sind.  Wirtschaftliches
Elend  und  Hoffnungslosigkeit  sind  ja  stets  der  beste  Nährboden  für
den  Rommunismus.
Möge  ein  gnädiges  Geschick  Deutschland  und  ganz  Europa  vor  dem
unsagbaren  Elend  bewahren,  das  eine,  wenn  auch  nur  kurz  währende
Herrschaft  der  kommunistischen  Elemente  im  Gefolge  haben  müßte!
Oder  sollte  etwa  der  Weg  durch  das  wirtschaftliche  Ehaos  hindurch
für  Deutschland  und  Europa  der  von  der  Vorsehung  gewählte  Weg
sein,  um  in  Europa  einen  gerechteren  politischen  Zustand  herzustellen,
als  ihn  die  Friedensverträge  von  Versailles  und  St.  Germain  bedeuten, ­
  und  Deutschland  die  politische  Freiheit  wiederzugeben,  die  es
seit  derselben  Zeit  verloren  hat,  seit  der  die  deutschen  Länder  angefangen ­
  haben,  sich  „Freistaaten"  zu  nennen?
Leipzig,  Weihnachten  1919.  !.  Pohle.
            
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