86
11,1. Das arbeitslose Einkommen
entgehen, allein die spezifisch sozialistische Kritif an der gegenwärtig
herrschenden Einkommensverteilung ist das nicht. Die Kritik, dio
der eigentliche Sozialismus an der heutigen Einkommensverteilung
übt, geht von ganz anderen Gesichtspunkten aus. In ihrem Mittelpunkte
steht die Frage, ob das Einkommen auf Arbeit beruht
oder nicht, und alles arbeitslose Einkommen wird von ihr für unverdient
und sittlich unberechtigt, für einen Raub am Arbeitserträge
anderer, erklärt. Gb sich das arbeitslose Einkommen dabei auf eine
große oder eine kleine Zahl von Köpfen verteilt, das ist nach sozialistischer
Auffassung im Grunde ziemlich belanglos. Eine Anhäufung
des arbeitslosen Einkommens in den Händen einiger weniger
Millionäre ist nach ihr sogar eher als das kleinere Übel anzusehen.
Zu diesem Standpunkte bekennt sich z. B. der deutsche Sozialist
Eduard Bernstein. „Gb das gesellschaftliche Mehrprodukt", so
schreibt er einmal, „von 10 000 Personen monopolistisch aufgehäuft
oder zwischen einer halben Million Menschen in abgestuften Mengen
verteilt wird, ist für neun oder zehn Millionen Familienhäupter,
die bei diesem Handel zu kurz kommen, prinzipiell gleichgültig. Ihr
Bestreben nach gerechterer Verteilung oder nach einer Organisation,
die eine gerechtere Verteilung einschließt, braucht darum nicht minder
berechtigt und notwendig zu sein. Im Gegenteil. Es möchte
weniger Mehrarbeit kosten, einige tausend Privilegierte in Üppigkeit
zu erhalten, wie eine halbe Million und mehr in unbilligem
Wohlstand."
Zweifellos wird nun in der heutigen Wirtschaftsordnung in sehr
großem Umfange Einkommen bloß auf Grund von Besitzrechten,
Nicht auf Grund von geleisteter Arbeit bezogen. Genau feststellen
läßt sich der Bruchteil des Gesamteinkommens, der heute als arbeitsloses
Einkommen, insbesondere als Zinsen- und Grundrenteneinkommen
bezogen wird, allerdings nicht. R. E. Map schätzte das
Zinseinkommen für das Deutsche Reich auf % bis % des Volkseinkommens,
das von ihm für 1907 auf rund 40 Milliarden Mark
angenommen wurde. Auf sozialistischer Seite schätzt man den An-