II. Transport- und Verkehrspolitik.
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welche Bedeutung dem Großverkehr für die Weckung der Produktivkraft des Landes
zukomme. Daraus erwuchs mehr und mehr ein Interessengegensatz zwischen der
fiskal-bureaukratischen Verwaltung, die aus der Eiserlbahndomäne und dem Post
monopol möglichst reiche Erträgnisse herauszuwirtschaften suchte, und den tatsäch
lichen Bedürfnissen und Lebensbedingungen der gewerblichen und landwirtschaft-
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um das Pennyporto und um den Frachttarif für die Steinkohlen.
1. Eisenbahnen.
Unter den Gesetzen und Regierungsmaßregeln berühren wenige so tief die In
teressen der weitesten Kreise und finden trotzdem so wenig Beachtung, wie die trockenen
und verwickelten Fragen der internen Eisenbahnverwaltung.
Das Rückgrat der heutigen Industrie bilden Wasser, Kohle und Eisen- ie
näher sie diesen drei Faktoren liegt, umso konkurrenzfähiger ivird sich ihre Stelluna
auf dem Weltmarkt gestalten. In diesem Punkte ist die deutsche Industrie infolge
der fast durchweg großen Entfernungen ihres Standorts von den Förderungsstätten
im Vergleich zu der französischeu, belgischen und englischen Industrie wesentlich
im Nachteil. Daher bildete in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die billige Be
schaffung des Feuerungsmaterials die erste Bedülgung für das Voranschreiten und das
weitere Gedeihen der jungaufstrebenden Massenindustrie. Da zudem die Massen
artikel das wichtigste Frachtgut stellen, so betraf naturgemäß die erste Eisenbahnfrage
von grundsätzlicher Bedeutung die Steinkohlensracht.
Was hernach, nach der Einigung des Deutschen Reiches, die Geschäftswelt
weiter als einen Mangel besonders empfand und heute noch empfindet, das ist das
Fehlen eines einheitlichen Betriebs des deutschen Eisenbahnnetzes. Damit hing
der störende und schädliche sogenannte „Klassifikationswirrwarr" sowie — nament
lich auf den Privatbahuen — eine unverhältnismäßige Höhe des Gütertarifs
zusammen.
Diese neuauftauchenden Fragen mußten unter einem oberen Gesichtspunkt
zusammengefaßt werden und gaben den Anstoß zur Herausbildung des all-
gemein-wirtschaftlichen Standpunktes gegenüber dem fiskal-bureaukratischen.
Aus dieser Differenzierung ergaben sich nun für den öffentlichen Verkehr und die
Gesamtwirtschaft Probleme, die im gleichen Schritt mit der weiteren Entwicklung von
Handel und Industrie sowohl nach Unlfang wie an Tiefe wuchsen, und mit den großen
Kulturaufgaben der Gegenwart aufs engste zusammenhingen.
Zu Anfang der 60er Jahre hatte das Gütertarifwesen durch die enormen
Frachtunterschiede und die unentwirrbaren Klassifikationen allmählich eine Unsicherheit
erlangt, die noch größer war als im Münzwesen, und durch die Handel und Verkehr
sowie die Unternehmungslust gehemmt wurden. Dazu kam 1874, daß der Bundesrat
die Erhöhung der Eisenbahnfrachttarife um durchschnittlich 20% genehmigte;
er setzte daber voraus, daß die Eisenbahnverwaltungen im eigenen Interesse auf die
damalige ungünstige Lage von Industrie und Handel gebührende Rücksicht nehmen
und von der erteilten Ermächtigung nur insoweit Gebrauch machen würden, als dies
unter angemessener Beachtung der Interessen von Handel und Industrie'nötig sei.
Die Eisenbahngesellschaften aber beuteten die Ermächtigung so aus, daß dies dem