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»Freiheit vom Worte“,
Ökonomie gestalten konnte, gleich als gestempelte Soziologie auftretend.
Dies verschuldet zwar den Schein unserer angeblichen „Rückständigkeit“
in Soziologie; letzten Endes bedeutet es doch einen Vorsprung. Er
verriet sich ja bisher schon in der werbenden Kraft der deutschen
Nationalökonomie geläuterter Auffassung — in bezug auf diese ist der
Ausdruck „historische Schule“ ein durchaus schiefer; gibt er doch
den bloßen Weg, den die Läuterung notgedrungen einschlagen mußte,
für die Sache aus. Der Gang, den es bei uns nahm, ist aber auch
verheißungsvoll für die Zukunft. An der orthodoxen Theorie der
Romanen und Angelsachsen droht alle ihre Soziologie dauernd ab
zuprallen: der Versuch, in dieser Form die Theorie zu läutern, müßte
ja als ein unzulässiger Eingriff von außen empfunden werden. Bei
uns erledigt sich das gleiche zwanglos als eine häusliche Angelegenheit
der Nationalökonomie; sie selber rechnet einfach mit der rückständigen
Auffassung ihrer Theorie ab. Da wird nur in eigener Sache das
Schiefe gerade gebogen.
Bei einem bloßen Hinweis darauf, wie sich in der Nationalökonomie,
ihrer eigenen Theorie zum Trotz, jene lebensvolle Auffassung durch
gerungen hat, kommt das Besondere einzelner Fälle unmöglich zu
seinem Recht. Geschweige, daß sich auch die ganz absonderliche
theoretische Stellung einzelner, z. B. Albert Eberhard Schäffles,
zureichend würdigen ließe. Er hat unstreitig für die Theorie nach einer
tieferen Grundauffassung gerungen. Es ist aber klar, eine eingerottete
Grundauffassung läßt sich nicht so eins zwei über den Haufen rennen,
ohne daß Erkenntniskritik eingreift. Ihr fällt die Aufgabe zu, den her
kömmlichen Gedankengang überall dort aufzulockern, wo er im ge
heimen seine falschen Ruhepunkte findet.
An Erkenntniskritik gebricht es auch jenem unvergleichlichen
Werke, mit dem Gustav v. Schmoller den zünftigen Theoretikern
jns Handwerk des Lehrbuchs gepfuscht hat. Darum setzt er sich mit
der Theorie ganz wie von gleich zu gleich auseinander. Und doch
offenbart sich an diesem Buche wie nie zuvor die Kluft zwischen den
zwei Grundauffassungen: zwischen der rühmlich erarbeiteten und jener
unrühmlich ererbten, die heute noch im breiten Durchschnitt ganz so
festgehalten wird wie einst, als sie beim naiven Einsatz der Theorie
das notwendige Übel war. Freilich, der Verzicht auf Erkenntniskritik
ist bei einem Buch eher verständlich, hinter dem die Summe der
Forschung in Tatsachen steht; deren Ergebnisse wissen für sich selber
zu sprechen. Nur fehlt es bei Schmoller auch an der letzten theo
retischen Zuspitzung. Man kann unseren Empirikern ihre Abneigung
gegen Theorie von der heute noch durchschnittlichen Sorte gewiß