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Sehr bemerkenswert ist, daß alle bisher gebauten Strecken ver
schiedene Spurweiten hatten- Gerstner glaubte für die Zarskoje Selo-
Bahn eine besonders breite Spur (1,82 m) wählen zu müssen, da nach
seiner Ansicht die Stephensonsche Weite (1,435 m), die in England
und auf dem Kontinent eingeführt war, für schwere Züge und schnelle
Fahrt nicht hinreichen würde. Allerdings blieb diese ungewöhnlich
breite Anlage der ältesten Bahn, die z. B. die Spur der spanisch-portu
giesischen Bahnen nicht unwesentlich übertrifft, zugleich aber die In
dienststellung sehr bequemer Wagen ermöglicht, auch in Rußland ohne
Nachfolge. Denn der Nordamerikaner Whistler, der geistige Vater
der Nikolaibahn glaubte die mitteleuropäische Spur ebensowenig befür
worten zu können wie die Gerstnersche Spur. So entschied er sich
für die Breite von 1,524 m, die in der Folgezeit fast allein maßgebend
wurde und bei ihrer Beschränkung auf da.: Zarenreich die russische
Spur genannt werden kann. Nicht also militärpolitischen Gedanken,
sondern nur der Befürwortung eines einzelnen Ingenieurs in einer Zeit,
in der ohnehin die Frage der Schienenbreite allgemein erörtert wurde
und in keinem Lande schon einheitlich beantwortet war, verdankt also
die russische Spur ihre Entstehung- Wie sehr tatsächlich damals die
russische Regierung in der Spurweitenfrage, durchaus analog zu den
Vorgängen in anderen Staaten, schwankte, ersieht män daraus, daß
die russischen Teilstrecken der Warschau-Wiener und der Warschau-
Bromberger Bahn in der Spurweite der deutschen Anschlußstrecken
erbaut wurden. Einen Vorwurf namentlich von der Stellungnahme des
internationalen Verkehrs aus könnte man also den russischen Eisenbahn
verwaltungen nur soweit machen, als sie, nachdem sich die Stephensonsche
Weite allgemein in Europa bewährt hatte und fast überall durchgeführt
war, sich nicht zum Umbau der Bahnen entschließen konnten. Und
hier ist allerdings anzunehmen, daß in der späteren Zeit, namentlich als
man auch auf russischer Seite die militärpolitische Bedeutung der Bahnen
erkannte, auch strategische Gründe zur Beibehaltung der russischen
Spur mitsprachen 1 ).
Klar war aber die Stellung der russischen Regierung zu der Frage,
von wem die Bahnen gebaut werden müßten. Gerade Zar Nikolaus I.
erkannte sehr wohl die Bedeutung der Bahnen für den Staat und war
deshalb durchaus für die Übernahme der Bauten durch den Fiskus.
Dagegen spricht nicht, daß die Zarskoje Selo-Bahn von einer Privat
gesellschaft errichtet wurde: sie war gewissermaßen die Probe, ob sich
in dem Kampf widersprechender Meinungen überhaupt, namentlich aus
klimatischen Erörterungen heraus, die Einführung der Eisenbahnen in
Rußland empfehlen würde. Nachdem diese Empfehlung in glänzender
Weise ausgesprochen wurde, war aber auch der Staatsbahngedanke
l ) Über die Spurweite der russischen Bahnen vgl. Claus, AEW 10 (1887)
S. 53, 58, vgl. auch unten S. 56.