Full text: Lebenserinnerungen

in öpmcuse zum Dr. of human letters, von der Lolumbia-Vniver- 
sität zum Dr. of Istters, von öer New York University zum Dr. of law. 
Vuch verschiedene Lectureships wurden mir angetragen, so in 
Boston am Lowell-Institute, so in New TJori die Deems Lectureship; 
gröstere Zyklen von Vorlesungen hielt ich im Lmith Lollege in Nort- 
hampton und in Lchenectady. Ich hätte noch viele weitere Lin- 
ladungen erhalten, wenn es mir möglich gewesen wäre, den Westen 
zu besuchen. Übrigens möchte ich nicht unerwähnt lassen, dast auch 
die kanadischen Universitäten Montreal und Toronto mir freund 
liche Linladungen sandten. Auch führten meine philosophischen Be 
strebungen zu festeren Verbindungen, so wurde eine Lucken-Llsso- 
ziation in New park gebildet, ein Lucken-Klub in gektysburg am 
Lutheran Lollege begründet usw. 
Viele interessante Persönlichkeiten wurden mir persönlich bekannt, 
so Noosevelt und Larnegie. Mit Noosevelt hatte ich ein sehr anregen 
des gespräch über den amerikanischen Idealismus und seine Zukunft, 
er erwies dabei eine bedeutende geschichtliche Bildung; über Deutsch 
land sprach er damals in freundlicher Weise. Lharakteristisch erschien 
mir ein gespräch mit einem weltgewandten Tinanzmann über die 
Möglichkeit eines schon damals die gemüter bewegenden Krieges; 
er meinte, es bestehe dafür nicht die mindeste geführt „Wir geben 
das gcld dazu nicht, und ohne das können die Ltaaten nichts 
machen". In einem anderen Kreise wurde die Behauptung auf 
gestellt, Deutschland würde in 20 Iahren das reichste Land der 
Lrde fein! 
Bemerkenswert war mir auch die dortige Stellung der Trauen, 
gewisse Üusterlichkeiten der Litte werden beachtet, aber sie nehmen 
keinen grasten Platz ein. Das aber glaubte ich zu bemerken, dast 
die Trauen in den höheren Ltänden oft die Männer an Bildung 
übertreffen; die überwiegend geschäftliche Tätigkeit kann leicht den 
Bildungstrieb der Männer hemmen; dazu pflegen die Trauen in 
fenen Kreisen mehr zu reisen und mannigfache Eindrücke in sich auf 
zunehmen. Oft fand ich ein lebhaftes Interesse der Trauen für 
die grasten Lebensfragen des menschlichen geschiekes. Nament 
lich zwei Tragen sind mir immer wieder begegnet: „Lind wir un 
sterblich?" und „Haben wir einen freien Willen ?" Treilich verlangte 
man dabei oft eine zu summarische Llntwork. In den ersten Kriegs- 
fahren habe ich verschiedene Briefe von mir persönlich unbekannten 
Damen erhalten, worin diese versicherten, dast sie über den Krieg 
anders dächten als die Männer, und dast sie vor dem Mut und 
vor der Tapferkeit der deutschen Loldaten die aufrichtigste Hoch 
achtung hätten. 
Der persönlichen Liebenswürdigkeit, welche ich und die Meinigen 
in Ümerika erfuhren, entsprach nicht vollauf die überwiegende
	        
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