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WANDERUNGSVORGANG ELS.-LOTHR. BEVÖLKERUNGSGRUPPEN. 47
1920 keine wesentliche Bautätigkeit aus den angegebenen
Gründen einsetzen konnte, rund 1200000 Wohnungen. Auf
diese drohende Wohnungsnot hat der deutsche Wohnungs
ausschuß schon im Kriege aufmerksam gemacht. In einem
Vortrag vor dem deutschen Wohnungsausschuß am 30. Ok
tober 1917 mahnte Prof. Dr. Carl Johannes Puchs zur so
fortigen aktiven Behandlung des Wohnungs- und Siede-
luugsproblems.
Unser völliger wirtschaftlicher Zusammenbruch hat
alle Hilfsaktionen des Staates in dieser Präge zu Tropfen
auf den heißen Stein werden lassen. Seit Ende des Krieges
wurden von Reich, Ländern und Gemeinden über 2 Milli
arden Mark an Baukostenzuschüssen für den Bau von
Wohnungen gewährt, d. h. zur Ermöglichung von Neu
bauten mit Kleinwohnungen werden von Reich, Ländern
und Gemeinden Zuschüsse in Form von zinslosen Darlehen
— auf deren Rückzahlung unter bestimmten Umständen
überhaupt verzichtet wird — zur teilweisen Deckung der
Ueberteuerung im Vergleich zu den Friedenspreisen ge
geben 1 ). Auf diese Baudarlehen werden wir bei der Frage
der Unterbringung der einwandernden Elsaß-Lothringer
noch zu sprechen kommen.
Hier seien nur im Hinblick auf die für uns so not
wendige Reagrarisierung darauf hingewiesen, daß diese
Baukostenzuschüsse leider fast restlos den Städten zugute
gekommen sind 2 ). Die Wohnungsnot ist zurzeit gewiß
1) Bestimmungen des Bundesrates für die Gewährung von Bau
kostenzuschüssen aus Reichsmitteln vom 31. Okt. 1918. Zentralbl. f.
ü. Deutsche Reich, Jahrg. 1918, S. 1160. Bestimmungen des Reichs
rates über die Gewährung von Darlehen aus Reichsmitteln zur
Schaffung neuer Wohnungen vom 10. Jan. 1920. Zentralbl. f. d. Deutsche
Reich, Jahrg. 1920, S. 56.
2) So sind von den in der Bauperiode 1919 vom Reich bewilligten
Baukostenzuschüssen in Höhe von 650 Mill. M. nur 22 Mül. zu Bauten
auf dem Lande verwandt worden. Die vom Reich für die Bau-
periode 1920 bewilligten Reichszuschüsse in Höhe von 500 Mill. M.
sind auf die einzelnen Länder ihrer ßevölkerungsziffer entsprechend
verteilt worden, so daß z. B. Hamburg 11 Mill., das landreiche
Mecklenburg-Schwerin nur 4,8 Mill. M. Reichszuschüsse erhalten hat.
(8. Arch, f. innere Kolonisation, Heft 8/9, Jahrg. 1919,20.)