Bibliothek des Instituts
für Weltwirtschaft Kiel
Der Ablauf der Marktwirtschaft. 113
Auch in der Industrie macht sich der Sättigungspunkt bemerkbar. Die infolge
der Gewinnaussichten gewaltig erhöhte Erzeugung übersteigt den Bedarf, das
große Angebot bereitet Absatzschwierigkeiten, die Preise beginnen zu sinken.
Hinzu kommt, daß die neuerrichteten Betriebe auf einer durch die hoben Preise
bedingten Kostengrundlage aufgebaut sind, andere Betriebe durch die Überbeschäftigung
zusätzliche Kosten haben, beide nunmehr durch den Preisrückgang
beträchtbche Verluste erleiden. Die Lage ist gespannt, irgendein Ereignis: Börsenkrise,
Bankzusammenbruch löst die Spannung aus; an Stelle der Gewinnaussichten
machen sich Zeichen der Überproduktion, der Absatzstockung, des Preisrückganges
bemerkbar; die Nachfrage hört auf — und
4. Die Krise ist da. Der Rückgang der Produktion führt zu einem Zusammenbruch
auf dem Effektenmarkt. Die Folge sind große Kursstürze, deren Wirkung
sich auf die übrige Wirtschaft fortpflanzt. Die Warenvorräte, die durch die Produktionsüberspannung
nicht vom Markte aufgenommen werden konnten, werden
zu niedrigen Preisen angeboten; durch die Kreditkündigungen der Banken wird
auf die Unternehmer ein Zwang, zu Schleuderpreisen zu verkaufen, ausgeüht. Der
Absatz ist ins Stocken geraten und läßt die kapitalschwachen Unternehmungen
zusammenbrechen. Zahlungseinstellungen und Konkurse häufen sich, bis eine
Zurückführung der überspannten Gütererzeugung auf einen gerade den notwendigsten
Bedarf deckenden Umfang stattgefunden hat. Von diesem Zeitpunkt an geht
die Krise wieder in die Depression über und der Kreislauf der Konjunktur ist geschlossen;
er beginnt erst von neuem, sobald sich im Verlaufe der Depression neue
Kräfte, neues Kapital ansammeln, die den nächsten Aufschwung vorbereiten.
Der im vorstehenden geschilderte Verlauf der Konjunkturbewegung ergibt
sich, wenn man rückwärtsschauend die einzelnen Teile aneinanderreiht. Im
wirklichen Ablauf entstehen häufig Stockungen oder gar Rückbildungen in den
einzelnen Teilen; manchmal sind mehrere Anläufe erforderlich, um die einzelne
Stufe zur vollen Entfaltung zu bringen. Auf diese Weise können an Stelle der
geraden Linien (von einer zur anderen Stufe) Zickzackbewegungen eintreten, die
im Augenblick die allgemeine Richtung verschleiern. Es handelt sich bei der obigen
Kennzeichnung nur um den typischen Verlauf der Konjunkturbewegung, wie sie
sich in den letzten Menschenaltern unter der Herrschaft der Marktwirtschaft herausgebildet
hat. Die Kenntnis der Eigentümlichkeiten der einzelnen Abschnitte
der Konjunkturentwicklung wie ihrer Bedingtheiten ist in doppelter Beziehung
wichtig: 1. läßt sich der tatsächliche, mehr in die Augen springende Gesamtahlauf
der Wirtschaft besser erkennen und beurteilen, wenn man den eigentlichen Verlauf
herausnehmen und dadurch die Saison- und Strukturvorgänge erkennen kann;
2. ist auf Grund einer solchen Aufteilung der Gesamtkonjunktur (was ist Konjunktur
im eigentlichen Sinne, was ist Saison und Struktur?), soweit dies überhaupt
möglich ist, eher eine Voraussage über ihre weitere Entwicklung aufzubauen
(Konjunkturprognose). Sie ist nicht nur für den einzelnen Wirtschaftshetrieb
sondern auch für den Staat wichtig, wenn dieser es als seine Aufgabe ansieht, zu
seinem Teile an der Bestgestaltung der Gesamtwirtschaft mitzuwirken.
3. Konjunkturpolitik. Wir unterscheiden eine betriebliche und eine gesamtwirtschaftliche
Konjunkturpolitik. Unter der ersteren sind die Maßnahmen zu
verstehen, die der Wirtschaftshetrieb von sich aus ergreift, um aus der jeweiligen
Konjunktur für sich die größten Vorteile zu ziehen. Über dieses Verhalten der
Wirtschaftsbetriehe der Konjunktur gegenüber wird im zweiten Buch A. III ausführlich
zu sprechen sein. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß von den aus dieser
Überlegung heraus ergriffenen Maßnahmen naturgemäß wieder ein Einfluß auf die
Konjunkturentwicklung ausgehen kann oder muß. Bei der gesamtwirtschaftlichen
Konjunkturpolitik ist insbesondere an die Maßnahmen zu denken, die der Staat
Prion, Die Lehre vom Wirtschaftsbetrieb. I. 8