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Zweiundzwanzigstes Buch.
die gelegentlich andere als empfindsame Gedanken nicht ver—
schmähten: Jacobi hat sie in seinen „Sommer- und Winter—
reisen“ nachgeahmt, und alles in diesen atmet Sanftmut,
Weichheit und Duldung „selbst gegen Tiere und Jesuiten“.
Dabei war die Wirkung teilweise gewaltig: wer wird sich
ihr selbst heute noch entziehen, wenn er sich in der Lektüre vvn
Werthers Leiden den Stellen nähert, da Übersetzungen aus
Ossian die Stimmung vertiefen und erbreitern? Aber häufig
blieb sie auch äußerlich. In welcher Art, mag ein Detail aus
dem Leben Johann Georg Jacobis zeigen. Der Dichter las
in Düsseldorf zusammen mit seinem philosophischen Bruder
Heinrich Yoricks Empfindsame Reise. „Wir sahen einander still⸗
schweigend an; ein jeder freute sich, in den Augen des anderen
Tränen zu finden. Wir feierten den Tod des ehrwürdigen
Greises Lorenzo und des gutherzigen Engländers ... Sanft—
mut, Zufriedenheit mit der Welt, unüberwindliche Geduld,
Verzeihung für die Fehler der Menschen, diese ersten Tugenden
lehrte er seine Schüler; wie viel besser sind sie, als der fromme
Stolz der meisten gestifteten Orden! Wie süß war uns das
Andenken an den erhabenen Mönch und an den, der so willig
von ihm lernte! Viel zu süß, um nicht durch etwas Sinn—
liches unterhalten zu werden! Wir alle kauften uns eine
Schnupftabaksdose von Horn, worauf mit goldenen Buchstaben
auswendig der Name „Pater Lorenzo“ und inwendig „VYorick“
steht; wir alle taten das Gelübde, des heiligen Lorenzo wegen
jedem Franziskaner etwas zu geben, der um eine Gabe uns
ansprechen würde. Sollte sich in unserer Gesellschaft einer
durch Hitze überwältigen lassen, so hält ihm sein Freund die
Dose vor, und wir haben zu viel Gefühl, um dieser Erinnerung
sehr rasch; 1774 war es so bekannt, daß es Adelung in sein Woörterbuch
aufnahm. Hamann braucht dafür in einem Briefe an Jacobi sehr be—
zeichnend Empfindseligkeit. Der Vorschlag Abbts (Vom Verdienste, 1768,
S. 115), für Sentiment Empfindnis zu fagen, drang nicht durch. Das
Gegenteil von empfindsam bezeichnete der Übersetzer Gregorys 1778 mit
unfühlbar, Goethe um eben diese Zeit mit unfühlend, Schiller 1789 mit
fühllos. Die Sache war natürlich weit älter als alle diese Wörter.