Object: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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Zeit⸗ und Stücklohn. 
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Die Bezahlung nach der Leistung, dem Stücke, der Akkord- oder Stücklohn entstand 
da, wo die Arbeiter nicht Familiengenossen des Herrn, sondern Handwerksmeister und 
Heimarbeiter waren; man bezahlte das bestimmt abgegrenzte Stück Arbeit, wurden 
10 und 100 Stücke geliefert, also das 10- und 100 fache. Wo, wie im Bergbau, die 
Arbeiter nicht kontrolliert werden konnten, wo sie als Genossenschaften bestimmte Quanten 
Erz lieferten, bezahlte man sie nach der Menge der Erze, der Kohlen. Wo man außerm 
Hause spinnen und weben ließ, lag die Bezahlung nach der Länge des Gespinstes und 
des Gewebes an sich nahe. Kurz wo die Technik zähl- und meßbare, gleichmäßig sich 
wiederholende Einzelleistungen darbot, griff man zu einer solchen Bezahlung, und es 
mußte sich bald zeigen, daß der Arbeiter durch sie ein größeres Interesse an der Arbeit 
bekam, daß der Fleiß und die Leistungsfähigkeit sich damit hob. Man rechnet im 
großen und ganzen heute, daß je nach Rasse, Gewerbe und Technik die Leistungen der 
Arbeiter mit dem Stücklohn um 20—1000/0 zunehmen. 
Der Stücklohn, der früher hauptsächlich nur der Hausindustrie und der Berg— 
arbeit angehört hatte, gewann im 19. Jahrhundert zuerst in der Großindustrie immer 
mehr Ausdehnung. In England wird behauptet, */10 der englischen Exportwaren seien 
gegenwärtig so hergestellt. Die anderen Industrieländer folglen, zumal seit den letzten 
10-50 Jahren. Mit dem Eisfenbahnbau verbreitete sich das Akkordlohnsystem aller⸗ 
wärts; es drang auch in die Landwirtschaft ein, besonders in die intensive; der Hack— 
früchtebau, das Mähen, das Ernten, das Graben wurde nach der Fläche bezahlt. Doch 
hat es z. B. im Osten Deutschlands noch lange den Taglohn nicht beseitigt. Es be— 
gegnet hier wie auch noch in zahlreichen Gewerben einem hartnäckigen Widerstand der 
Arbeiter, während die Unternehmer stets geneigt sind, es einzuführen, seine Erfsolge für 
sie selbst wie für die Arbeiter rühmen. 
Die Stückarbeit veranlaßt den Arbeiter, in möglichst kurzer Zeit viel Stücke fertig 
zu machen; sie weckt den egoistischen Erwerbstrieb, die Anspannung aller Muskeln und 
Nerven im Arbeiter. Aber sie hat die Kehrseite, durch die Schnelligkeit der Arbeit die 
Güte zu beeinträchtigen, sie ist so bei vielen feineren Arbeiten unmöglich oder nötigt 
zu einer strengen und harten Kontrolle der Qualität der Arbeit. Sie, kann zumal in 
der ersten Zeit und bei nicht regelmäßig Beschäftigten zu schlimmer Überanstrengung 
führen; „Akkordarbeit ist Mordarbeit“, pflegen die Arbeiter zu sagen. Das wird nur 
vermieden, wo die Arbeitszeit entsprechend gekürzt ist, wo nicht der überschnelle Gang 
der Maschinen die Kräfte der Arbeiter vollends überspannt, wo die Akkordsätze und die 
Behandlung der Arbeiter im übrigen richtige und billige sind. Die Einführung des 
Stücklohnsystems und seine Durchsührung hat große prattische Schwierigkeiten. Die 
verschiedenen vorkommenden technischen Einzeloperationen müssen geschieden, jede einzelne 
geschätzt und mit einem Lohnsatz für das Stück versehen werden; selbft die einfache 
Schuhmacher- oder Schneiderwerkstatt erhält einen Lohntarif von einigen Dutzenden, 
die große Fabrik oft von Hunderten und Tausenden von Positionen, die in ihrem Ver— 
hältnis zu einander gerecht sein sollen; nur genaueste Kenntnis der Technik und der 
sämtlichen Arbeiten und lange Erfahrung trifft mit der Zeit das Richtige. Wo die 
Arbeitgeber noch allein diese Tarife feftsetzten, suchten sie zunächst dieselben so ein— 
zurichten, daß die Leute zwar etwas mehr als den Taglohn verdienten, setzten aber, 
wenn das Plus des Verdienstes wuchs, häufig wieder die Sätze herunter, was große 
Erbitterung erzeugte. In diesen Schwierigkeiten einer billigen Durchführung liegt die 
Hauptursache, daß selbst sehr hochstehende Arbeiter die Stückzahlung principiell und 
dauernd oder zeitweise bekämpft haben. Es kam hinzu, daß die Einführung der Stück— 
löhne in den meisten Berufszweigen zunächst in der Form von Gruppen-, nicht in der 
von Individualakkorden stattfand, wobei der Akkordmeister allen Vorteil hatte, die 
mit ihm Arbeitenden um so schlechter bezahlt und behandelt wurden, je hartherziger der 
Alkkordmeister war, je schrankenloser er seine Macht brauchte. Wir kommen darauf 
a rut Mit dem Wesen des Stücklohnes hat diese Art des Mißbrauches aber 
ichts zu thun.
	        
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