Die Stoffe und Kräfte.
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und Verwendung ganz andere Bedingungen haben. Eine Fülle von Pflanzen und Tieren sind
als Öl- und Fettlieferer gewissermaßen der Rohstoff dieser Industrie. Pflanzliche Öle können
zunächst nach dem Grad ihrer Jodaufnahmefähigkeit unterschieden werden als trocknende
(Leinöl, Mohnöl, chinesisches und japanisches Holzöl, Sonnenblumen- und Walnußöl), als
halhtrooknende (Baumwollsaatöl, Leindotteröl, Mais-, Kürhiskern- und Bucheckernöl, Rüböl,
Senföl, Sojabohnenöl)und als niohttrocknende Öle (Oliven- [Baum-] öl, Erd- und Haselnußöl,
Oliven- und Aprikosenkemöl, Mandelöl u. a.). Unter den Pflanzenfetten sind als wichtigste
das Kokosnuß- und Palmkernfett, der chinesische und Malahartalg, das Japanwachs zu nennen
und von den Tierfetten einerseits die der Landtiere (Klauen- und Knochenfette, Rind- und
Hammeltalg, Schweineschmalz, Butterfett) und andererseits der Seetiere (als welche Robben-,
Walfisch-, Haifischtrane, Herings- und Dorschlehertrane erwähnt werden sollen). Flüssige
und feste animalische Wachse (Bienenwachs, Insektenwachs u. a.) und vegetabilische Wachse
vervollständigen die Reihe.
Der Fettgehalt der Ölsaaten und Früchte ist von 18—25% bei der Baumwollsaat bis zu
48—65% beim Walnußkern verschieden, was allein schon für den Einkauf von Wichtigkeit
ist. Aber auch die Gewinnung der pflanzlichen und tierischen Fette und Öle ist sehr unter
schiedlich, obwohl die Enderzeugnisse in der chemischen Zusammensetzung nur wenig, in
ihren Eigenschaften allerdings mehr voneinander abweichen — vor allem im Schmelz- und Er
starrungspunkt, im Hinblick auf die Verseifung (Ranzigwerden) und die Jodaufnahmefähigkeit
(trocknende oder niehttrocknende Fette und Öle). Die pflanzlichen Fette werden durch Aus
pressen und Extrahieren, die tierischen durch Ausschmelzen gewonnen. Ebenso stark unter
schiedlich ist die Weiterverarbeitung, die zur Margarine- und Seifenherstellung, zur Farben-,
Lack- und Firniserzeugung, zur Benutzung im Haushalt als Speisefett wie zur Hersellung von
Buchdruckfarben führen kann. Kaum ein Gebiet der Industrie wird durch die notwendige
Umstellung auf heimische Erzeugnisse stärker berührt als die Industrie der pflanzlichen und
tierischen Öle. Die Verwendung heimischer Ölquellen (Lein u. a.) bedingt Schwierigkeiten im
wirtschaftlichen Ausgleich zwischen der öl- und Faserausbeute, die Einfuhr stärker ölhaltiger
Früchte (Kopra, Palmkern, Erdnuß) hat einen verminderten Ölkuchenanfall zur Folge, der in
der Futtermittelbewirtschaftung fehlt.
3. Die Arbeitsverfahren und Arbeitsmittel. Es würde sicher eine reizvolle und
auch im Rahmen dieser Darstellung wertvolle Aufgabe sein, zu verfolgen, wie die
Entwicklung von der Seite der Stoffe her auf die Herstellungsverfahren und
Arbeitsmittel der einzelnen Erzeugnisse gewesen ist; doch fehlt hierzu leider der
Raum.
Fest steht, daß heute für den gleichen Zweck eine große Zahl von Stoffen be
nutzt werden kann. Wer sich wirtschaftlich betätigen will durch Erstellung
eines Gutes oder einer Dienstleistung mit Hilfe der Technik, der muß sich zu
nächst entscheiden; einerseits, ob er ein bestimmtes Erzeugnis herstellen will, etwa
Salzsäure, Soda, Stickstoffverbindungen u. a., ein Rundfunkgerät, einen Kraft
wagen, eine Werkzeugmaschine, ein Fördermittel, oder andererseits, ob er einen
bestimmten Zweck erzielen will, etwa eine Sprengung, einen Rostschutz, eine
Färbung, eine Erhitzung, eine Pressung, einen Schlag, eine Lochung, einen Kraft
antrieb oder eine Verbindung. In beiden Fällen ist die Verfahrenstechnik sehr
unterschiedlich: im ersteren Falle können je nach dem zur Anwendung kommenden
Verfahren die Ausgangsstoffe sehr verschieden sein, doch müssen sie eine be
stimmte Zusammensetzung haben, soll das gewünschte Erzeugnis hergestellt wer
den können. Im zweiten Falle spielt diese Stoffzusammensetzung oft keine Rolle,
wenn nur der Zweck erreicht wird — und zwar „wirtschaftlich“ erreicht wird.
Daraus ergeben sich die vielfachen Wege zum gleichen Zweck, die eine scharfe
Auswahl unter den Mitteln und Verfahren nötig machen. Diese Auswahl erfordert
natürlich eine genaue Kenntnis der Gesamtzusammenhänge zwischen den Wün
schen der Abnehmer, den Lieferanten der verschiedenen Stoffe und Einrichtungen,
den geldlichen und technischen Möglichkeiten des eigenen Betriebes, vor allem
aber die Kenntnis der verschiedenen Verfahrensarten und Arbeitsmittel.
Vom Kraftantrieb bis zum kleinsten Niet sind Mittel und Verfahren für die
Erreichung bestimmter technischer Zwecke in mehrfacher und zum Teil grund
sätzlich verschiedener Weise vorhanden. Nicht nur der Techniker muß alle Mög