Das Problem der inneren Aufbringung der Reparationssummen. 67
Kapitel einen wesentlichen Bestandteil unserer Beweisführung, Die Bejahung der
Aufbringungsmöglichkeit bedeutet nicht die Bejahung der Tributberechtigung.
c) Auch der Ausweg, das vorliegende Kapitel einfach auszulassen und es
den Reparationsgläubigern zu überlassen, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit
nachzudenken, kam nicht in Frage. Wenn unsere Untersuchung wissenschaftlich
beweisen will, daß sich die Vertragsgegner durch die Reparationen ins eigene
Fleisch schneiden und sich selbst mehr schaden als uns, so muß die Beweis
führung ein geschlossenes logisches System darstellen, das nur auf wirtschaft-
licher Logik beruht und keinerlei Zugeständnisse an patriotische Gefühle macht.
Daß patriotisches Fühlen die Logik hat finden lassen, schadet der Wirksamkeit des
Systems beim Vertragsgegner nicht, aber es hieße die Integrität dieses logischen
Systems und damit dessen Wirksamkeit beeinträchtigen, wollten wir die Frage
der inneren Aufbringungsmöglichkeit mit Schweigen übergehen, oder wollten wir
vor dieser Frage den Kopf in den Sand stecken,
Gehen wir nun zu der eigentlichen Frage nach der inneren Aufbringungs-
möglichkeit der Reparationssummen über und beleuchten sie durch das nach-
stehende Diagramm. Das Diagramm benutzt als Maßstab, um die ungeheure Größe
der Reparationslast zu zeigen, die jährliche Kapitalbildung bei den deutschen
Sparkassen in der Vorkriegszeit. Im Jahre 1913 betrug der Zuwachs an Spar-
guthaben bei den deutschen Sparkassen 1 Milliarde Mark. Die Reparationszahlung,
welche vom Normaljahr 1928/29 ab jährlich fällig werden soll, beträgt demgegen-
über 2,5 Milliarden Mark,
Man muß bei diesem Maßstab bedenken, daß es sich um Sparkapital relativ
kleiner Hände handelt; die Kapitalbildung relativ großer Hände ist damit, zum
Teil wenigstens, nicht erfaßt.
Neuere Zahlen 1) ergaben für Ende März 1926 einen Sparkassenbestand von 2,0,
Ende März von 3,7 und Ende 1927 von 4,6 Milliarden Mark2). Seit 1925 hat die
Zunahme des Standes der Sparguthaben im Durchschnitt jährlich 1,5 Milliarden Mark
betragen, trotz der gleichzeitig erfolgten Reparationszahlung. . Selbst 1924 betrug
die Zunahme 535 Millionen Mark.
Die Wertpapier-Emissionen in Deutschland betrugen 1913 2,3, 1926 4,3 Mil-
liarden Mark, In der letzteren Summe steckt bereits ein großer Teil der Repara-
tionskapitalbildung und außerdem laufen die Summen der Sparguthaben bei den
Sparkassen mit den Summen der Wertpapieremissionen durcheinander.
Eine andere Illustration geben die Zahlen der Umsatzsteuer, Sie erfaßte 1924
82 Milliarden Mark Umsatz, von der die damalige Reparationszahlungen von einer
Milliarde 1,2% ausmachte, während die Summe des Normaljahres 3% hier-
von ausmachen würde, wenn nicht die Umsatzsumme inzwischen erheblich ge-
stiegen ist.
Die Vermögenssteuerveranlagung ergab 1924 für das deutsche Reich 109 Mil-
liarden Mark Vermögen, Unterstellt man eine durchschnittliche Verzinsung von
6,88 0%, SO macht die Reparationszahlung 1% aller Kapitalrenten aus; unterstellt
man eine durchschnittliche Verzinsung von 4,59 0% für die deutschen Vermögen,
so wäre die Hälfte der deutschen Renten jährlich an die ehemals feindlichen
Staaten auszuzahlen. Demgegenüber wirken die Zahlen irreführend, welche der
Bericht über das 3. Reparationsjahr?) für die Lasten aus der Industriebelastung
Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1927,
München-Augsburger Abendzeitung vom 11. 4. 28,
Nach Indunstrie- und Handelszeitung 1927. Nr. 297.