3. Die Handelskrisis von 1857.
95
Vertrieb der durch Verkehrs- und Produktionsvermehrung unendlich gesteigerten Waren
menge. Die Gleichgewichtsstörung zwischen verfügbarem und wirklich notwendigem
Kapital machte sich bald fühlbar. Die Börse beschwerte eine ungeheuere Masse
sogenannter Zukunftswerte aus Unternehmungen, die erst halb fertig waren und so
schnell nicht reif werden konnten, daher die vom Sommer 1856 bis Ende 1857
dauernde chronische Börsenkrisis sich einstellte. Das sowohl durch Masse der Produktion
als durch künstliche Äberteuerung aller Waren gestörte Gleichgewicht zwischen Angebot
und Nachfrage im Handel fand seine Wiederherstellung später, aber so plötzlich, wie
die elektrische Spannung der Lust im Gewitter zur Ausgleichung kommt. Im Bereiche
des Großhandels, in dessen Händen die Ware vor dem durch den Datailhandel
geleiteten unmittelbaren Verbrauch sich befindet, platzte das Gewitter, was umso unver
meidlicher war, als eine durch Kredit unterhaltene spekulative Einsperrung und Stapelung
der Waren mit einer nie dagewesenen Allgemeinheit stattgefunden hatte.
Die Krisis von 1857 war von einer Allgemeinheit und Heftigkeit und hat
Auswüchse des wirtschaftlichen Lebens an den Tag gebracht wie keine frühere. Nicht
der Rechtfertigungs-, aber der Erklärungspunkt hievon liegt darin, daß die diesmalige
Krisis in der Hauptsache nicht, wie früher, von partiellen Störungen, (Fehlernten,
Kriegskonjunkturen), sondern von einer allgemeinen Prosperität, der Folge eines ohne
gleichen großartigen weltwirtschaftlichen Neu- und Ambildungsprozesses, bewirkt worden
ist. Diese Prosperität gab nach allen Seiten einen vergleichsweise mühelosen Gewinn,
indem viele Vermögenselemente wie durch Zauberschlag verdoppelten Nutzeffekt hatten.
Das menschliche Herz ist unersättlich, die Übertreibung war unvermeidlich. And wie
seinem eigenen, so vertraute man dem fremden Glückssterne, und es ergab sich hiedurch
zur Fortbewegung der Dampfentwicklung von Handel und Industrie jener Kredit
mißbrauch, bei dem es im einzelnen Falle immer schwer ist, zu entscheiden, ob er mehr
auf Selbsttäuschung oder Täuschung anderer beruht.
Der Kreditmißbrauch schwindelte sich an einer Schraube vorzugsweise empor,
am Wechsel. Der Wechsel, dieses vermöge seiner formellen Rechtsstrenge unentbehrliche
kaufmännische Zahlmittel, diente durchaus nicht mehr bloß zur Übertragung reeller
Werte, er wurde nicht bloß gezogen auf wirkliche Warenempfänger oder auf Geschäfts
freunde, welche mit dem Aussteller durch Bande eines reellen Geschäftsverkehrcs und
durch Aberzeugung sicherer Solvenz verknüpft waren. Der Wechsel wurde, sobald
wirkliches Kapital zu mangeln begann, gezogen zu keinem anderen Zwecke, als um
ein fittives Kapital, Zahlmittel ohne reelle Wertuntcrlage, zu schaffen und sich zu
erhalten. So wurde nicht bloß die einfache Form dessen, was der Kaufmann Wechsel
reiterei nennt, die Ausstellung neuer Wechsel zu keinem anderen Zweck als zur Deckung
der fälligen, gehandhabt. Dieses einfachste Mittel, eine einmal geschaffene Kapitalfiktion
fortzufristen, genügte nicht. Man bildete förmliche Komplotte, um durch Nachahmung
der allgemeinen formellen Eigenschaften des guten Wechsels dem schlechten Wechsel
den Kredit und Kurs solider Wechsel zu erwerben; ein Zwickauer Kistcnmacher acceptierte
eine Million Mark Banko für sechs Groschen Provision pro Wechsel, ein Havelberger
Krämer von 5000 Talern Vermögen vier Millionen Mark Banko. Man häufte
Anterschriften, die nichts zu bedeuten hatten; ein englisches Haus hatte dreißig gewerbs
mäßige Indossanten, welche an ihrem angeblichen Wohnort vom Bankerottgericht
gar nicht aufzufinden waren. So wurde es möglich, den Wechsel als Zahlmittel in
Lauf zu setzen und, wenn er verfiel, ihn mit einem neuen Zahlungsversprechen zu
decken, bis endlich die ausgegebenen und aufgehäuften fingierten Wertsummen in einer
schuldigen oder einer unschuldigen Hand als das, was sie von Anfang waren, als
wertlose Papierfetzen und Lumpenprodukte, hängenblieben. Von Hamburg sollen
förmliche „Kreditreisende" ausgegangen sein, um das Blankoaccept ihres Hauses,
welches jedem Wechsel in Skandinavien den Laufpaß gab, wie eine Ware feilzubieten.