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„Daß die Klagen, welche gegen die genannten Handelsverträge von Seiten
oer deutschen Industriellen geführt werden und die Unzufriedenheit darüber de-
rechtigt sind, dafür lassen sich wohl aus dem uns soeben zugegangenen Jahres
berichte der Handels- und Gewerbekammer zu Wien über 1891 als Beleg die
folgenden beiden Stellen anführen in welchen der Befriedigung der österreichischen
Industriellen über die abge,chlossenen Verträge unverhohlen Ausdruck gegeben wird.
Da heißt es wörtlich Seite 264: „Die neuen Handelsverträge brachten den Kauf
leuten arge Enttäuschung, weil sie, durch die Versicherung ausländischer Offerenten
irregeführt, auf eine Herabsetzung der Zölle für die sie interessircnden Artikel sicher
gerechnet hatten. Die Industriellen dagegen haben daö Zustandekommen der neuen
Verträge freudigst und dankbar begrüßt, und gehen dieselben berlihigt au neue
Investirungen und Vergrößerungen ihrer Etablissements." Und weiter Seite 300:
„Nicht unerwähnt möge bleiben, daß im abgelaufenen Jahre dem in Sicht ge
wesenen deutsch.österreichischen Handelsverträge mit Bangen entgegengesehen wurde,
indem Deutschland, als Wiege der Wirkwaarenindustrie und wichtigstes Bezugsland
derselben für die ganze Welt, unserer heimischen, verhältnitzmäßig noch jungen
Industrie bedeutend überlegen ist und dieselbe empfindlich geschädigt hätte, wenn
der Zollsatz ermäßigt worden wäre. Die Publication des Vertrages zerstreute die
gehegten Befürchtungen. Wie sebr selbe aber begründet waren, beweist die That
sache. daß seit Beginn des laufenden Jahres (1892, von deutschen Fabrikanten,
trotz der nur geringfügigen Zollermäßigung, die größten Anstrengungen erfolgen,
ihre Fabrikate in Oesterreich abzusetzen und den einst innegehabten Markt wieder
zu erobern. Heute aber schon können diese Versuche als vergebliche bezeichnet
werden."
„Also ein Anhören unserer Industriellen auch während des Ganges der Unter
handlungen und in allen einzelnen Fällen AuskunftSerbebnng beim richtigen Fach
mann wird sich nur segensreich erweisen, das Gegentheil aber zum Schaden aus-
schlagen. Mit besonderer Genugthuung und mit freudigem Danke gegen die
Reichsregierung nehmen wir Veranlassung hervorzuheben, daß in neuester Zeit
diesem Wunsche einmal Rechnung getragen worden ist und wir sind überzeugt,
daß der damit betretene Weg, wenn man nur weiter auf demselben sortschrciten
wollte, manche Klagen und Unzuträglichkeiten beseitigen wird."
Handels- und Gewerbekammer zu Dresden.
„Nachdem wir zu Beginn deS Berichtsjahres etwa Ş Handel und Gewerbe
treibende aufgefordert hatten, ihre Wünsche betreffs der Erneuerung der am
1. Februar 1892 ablaufenden oder kündbaren Handelsverträge zn äußern, haben
wir die hierauf eingegangenen, nicht besondere zahlreichen, sowie ähnliche uns
sonst bekannt gewordene Wünsche, insoweit sie genügend begründet, einander nicbt
widersprechend und nicht völlig aussichtslos waren, dem königlichen Ministerium
zur Kenntnißnahme und thunlichsten Berücksichtigung einberichtet.
„Betreffs der allgemeinen Ziele bei Abschluß neuer Handelsverträge nahmen
wir, insbesondere hinsichtlich deS Vertrags mit Oesterreich-Ungarn, auf unser
Gutachten von 1887 Bezug, indem wir uns für einen Meistbegünstigungs- und
Tarifvertrag von längerer Dauer ausgesprochen hatten. Solche Verträge sind nun
bekanntlich vor dem 1. Februar laufenden Iabreö mit Oesterreich-Ungarn, Italien,
der Schweiz, Belgien, vorläufig auf kurze Zeit auch mit Spanien und später mit
Rumänien, geschlossen worden, während mit den übrigen europäischen Staaten