fullscreen: Schragen der Gilden und Aemter der Stadt Riga bis 1621

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Ansprüche gefallen lassen, wenn die Besitzer dereinst zu billigen Kursen 
ihre Papiere hergeben müssen? Der Herr Reichskanzler tröstet sich über 
solche Bedenken leicht mit dem Gedanken daran, daß Bismarck einst, als 
er die russischen Werte aus Deutschland hinaustrieb, auch ihren Besitzern 
Schaden zufügte. Allein damals ging die Staatsraison über solche Be 
denken. Denn Bismarck hatte begründete Befürchtung, daß das Geld 
der deutschen Kapitalisten zu russischen Kriegsrüstungen gegen Deutsch 
land verwandt werden könne. Aber welche Staatsraison gebietet es 
eigentlich, heute den deutschen Kapitalisten zum Kauf und zum Behalten 
russischer Wertpapiere zu raten? Diese Rolle eines finanziellen Be 
raters der Privatkapitalisten hätte Bismarck sicher nicht mit seiner 
Stellung für vereinbar gehalten, zumal in einer Zeit, wo für Deutsch 
lands eigene Anleihen kaum noch Käufer zu finden sind. 
* * 
* 
(2. Dezember 1905.) 
Noch immer versucht man die Stimmungmache für Rußland, obwohl 
mit jedem Tage deutlicher die Zeichen des vollkommenen staatlichen Verfalles 
und der finanziellen Zerrüttung in die Erscheinung treten. Aber während 
die Finanzkünstler emsig an der Arbeit sind, das internationale Kapitalisten- 
publikum zu beruhigen, machen ihnen die Politiker einen bösen Strich durch 
ihre Rechnung. In der Behandlung der russischen Frage hat seit dem 
Ausbruch der Unruhen im Lande des Zaren immer ein gewisser Gegensatz 
zwischen den Volkswirtschaftlern und den Politikern geherrscht. Am eklatantesten 
kam das in den Börsenblättern zum Ausdruck, wo die politischen Redakteure 
die Revolution prophezeiten, während die Redakteure im volkswirtschaftlichen 
Teil eine schnelle Beruhigung des Landes garantieren zu können glaubten. 
Jetzt geht die Opposition gegen die volkswirtschaftliche Ehrenrettung Rußlands 
von den Redakteuren der inneren Politik aus. In mehreren Blättern, am 
deutlichsten aber in den Berliner Neuesten Nachrichten, wurde während der 
letzten Tage der Reichskanzler aufs eifrigste gegen den Vorwurf verteidigt, 
daß er durch sein Auftreten im Reichstag und gegen das Buch des Regierungs 
rats Martin etwa das deutsche Publikum über den Stand der russischen 
Finanzen habe beruhigen wollen. Es sei lediglich seine politische Pflicht 
gewesen, so meinen seine Verteidiger, da wir mit Rußland in politischer 
Freundschaft leben, die Begebung von Anleihen des russischen Reiches nicht 
zu erschweren. Aber davon sei ganz und gar das kritische Urteil über die 
Bonität der russischen Finanzen zu trennen. In dieser Hinsicht muß das 
deutsche Publikum sich selbst vorsehen. Diese Verteidigung umgeht den Kern 
der gegen den Kanzler des Deutschen Reiches erhobenen Vorwürfe. Fürst 
Bülow mag angesichts der politischen Freundschaft zwischen Deutschland und 
seinem östlichen Nachbar Wohl die Verpflichtung in sich gefühlt haben, deutlich 
zu erklären, daß der Zusatz „Kaiserlicher Regierungsrat" auf dem Titel des 
, Martinschen Buches nicht etwa diese Schrift als offiziös oder gar als offiziell 
inspiriert erscheinen lassen dürfe. Hätte er eine solche Erklärung in der 
Bismarck und 
Bülow. 
Politische und 
volkswirt 
schaftliche 
Redakteure. 
Der Reichs 
kanzler läßt 
sich ver 
teidigen.
	        
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