Der Geselligkeitstrieb.
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dem Namen der „Gesellschaft“ näher untersuchen und dabei der Gemein-
schaft gegenüberstellen als derjenigen Form der Vereinigung, die um
ihrer selbst willen gesucht oder festgehalten wird. Die folgenden Aus-
führungen beziehen sich also lediglich auf die Form der Gemeinschaft.
Als Beispiel seien die Verhältnisse der australischen Eingeborenen hier erwähnt.
Sie streifen im allgemeinen in kleinen „Lokalgruppen“ (1—2 Familien) umher, ver-
einigen sich aber in gewissen Intervallen wochenlang zu größeren Gruppen, wobei sie
wichtige Festlichkeiten veranstalten. Die ungünstigen Ernährungsverhältnisse nötigen
sie zur stärksten Auflockerung; was sie periodisch zusammenführt, ist in legter Linie
ein Geselligkeitstrieb, der gegen den Nahrungsspielraum drückt.
2. Die immanente Förderung, die die Grundlage dieser Art Ver-
einigung bildet, kann sich zunächst auf das Gebiet des leiblichen
Wohls, auf das animalische Gedeihen, die Lebenssicherung und den
wirtschaftlichen Vorteil erstrecken. Den einfachsten Typus dieser För-
derung können wir vielleicht in der Mitteilung der Wärme erblicken, die
das enge Aneinanderschmiegen zweier Menschen ihnen gegenseitig ge-
währt, eine Förderung, die insbesondere für das kleine Kind unentbehr-
lich ist. Bei der Entwicklung des Kindes sehen wir bezeichnender Weise
mit der Hilfsbedürftigkeit auch das Verlangen nach seiner Mutter ab-
nehmen. Ein naheliegendes Beispiel bilden ferner gemeinsam unter-
nommene Ausflüge und Vergnügungen, bei denen der Einzelne das woh-
lige Gefühl genießt, sich um nichts zu kümmern zu brauchen. Und in
wichtigeren Dingen ist es ähnlich, insofern gemeinsame Bitten und Be-
mühungen einen ganz anderen Eindruck hervorrufen als diejenigen ein-
zelner. Vor allem aber läßt jede Art von Kampf die Menschen sich leicht
zusammenschließen und die Segnungen der Solidarität erleben.
Abgesehen von dieser äußeren ist die Geselligkeit mit einer 8ee-
lischen Förderung verbunden, die wieder dem Bereich der spezi-
fisch gesellschaftlichen Vorgänge angehört. Diese Förderung entspringt
der sozialen Natur des Menschen: in der Gemeinschaft zu leben ist für
den Menschen der natürliche Zustand. Der Einzelne bildet nur eine bio-
logische Einheit für sich, während für die soziale und geistige Welt die
Gruppe die Einheit bildet. Der isolierte Mensch bedeutet demgemäß nichts
als einen Inbegriff von Anlagen, die nicht zur Entfaltung gekommen
sind: er erhebt sich kaum über das Tier. Kann man schon vom Schim-
pansen sagen, „daß ein einzeln gehaltener Schimpanse gar kein rechter
Schimpanse sei‘“!), so gilt erst recht vom Menschen, daß er seinen Lebens-
inhalt erst durch die Gruppe gewinnt. Erst durch sie erschließt sich ihm
sowohl die Welt der geistigen Werte wie das ihr an Wichtigkeit
gleichwertig zur Seite stehende besondere Bereich der sozialen Werte.
1) W. Köhler in der Psvcholosschen Forschung I. 10