D. Bekämpfung bes Geburtenrüdganges 117
fundiger Beratung und Hilfeleijtung überall dort, wo guter Wille hHerricht,
ebenfo aber auch in Strenge und ftarlem Eingriff, wo e8 das Wohl des
Rindes erfordert. Und diejes Organ it. das Iugendamt.
Daß nicht Bolizeiwilkfür und Bureaukratie, [ondern der Geijt der Fürforge und der
Mütterlichkeit fein Wirken beftimmt, foll darin zum Ausdruck und zur Berwirklidhung
iommen, daß vor allem pädbagogifch und fozial-caritativ gefhulte Frauen in Dienft
gejtellt werben, fei e$ direkt von ihm angeltellt (gegen Befoldung) ober berufen (ehren-
amtlich), fei e8 burch bie mithelfenden freien Vereine und Organifationen. Heute wirken
a {on zahlreide Kräfte in diefem Sinne: Säuglingspflegerinnen, Shulpflegerinnen,
Rranfen- und Fürforgefdhweltern, SGemeindefjdhweftern ufw.; das Neue und Bedeu-
tungsbolle würde nur fein, daß ein befonderes ftaatlihes Organ (Amt) mit diefer
jefondern Aufgabe des Kinder[hHubes betraut mürbe und alle diefe freien fozial-cari-
iativen Beftrebungen in ihm ihre Zufammenfaffung und Stüße fänden. € ift auch
nicht fo gebacht, daß dem Iugendamte direkt das Necht zu polizeiliden Eingriffen
gegen die Eltern gegeben werden follte, fondern es mürde fi im Notfall an Polizei
und Gericht wenden. — Daß bezüglih der Säuglinge noch viel gefündigt wird, beweijt
bie erfehredend große Sterblichkeit. Daß aber auch die vorfHulpflidhtigen und [Hul-
»flightigen Kinder nuch zu Hunderttanfenden infolge der Pflichtvergeffenheit ober auch
mangelnder Umficht und Initiative alljährlich vorzeitigem ode und danerndem Siedh-
hım berfallen, ergeben gelegentlide Erhebungen. So {teilte fid bei einer Umfrage
der Zentralitelie für Boltswohlfahrt in Berlin heraus, daß im Sommer 1907/08 etwa
22.000 Schulkinder, im Winter 36 000 frühftüclvz zur Schule tamen, baß 179 000
Schüler fein warmes Mittagsbrot erhielten, Einen Einblid in die vielfach grauen
erregenben Zujtände der Grojftadt gibt 3. B. die von der DeutjhHen Zentrale für
Yugendfürforge herausgegebene Schrift „Die Kinder al8 Erwerbsmittel“ (Berlin
1913). GSelit unter dem Dedmantel der „Adoption“ verbirgt fih vieliad das
Berbrechen.
Während das Jugendamt in den bisher erörterten Aufgaben der Be
wahrung der Jugend dienen foll, würde ihm erft recht in der Fürforge
“ür die gefährdete und verwahrlofte Iugend eine maß-
zebenbde Mitwirkung gebühren. E& wird am beiten in der Lage und berufen
jein, durch eigne Beobachtungen und durch Unterftügung feiner Ber.
trauensperfonen, durch Seiftlihe, Lehrer ufmw. die Fälle ausfindig zu machen,
mo Zwangserziehung angebracht erjdheint; es würde die zwedmäßigite
Korm vorjchlagen fönnen. CE würde auch die Überwachung der Fürforge-
zöglinge, die Vermittlung der Unterbringung in guten Familien, in Dienft-
itellungen übernehmen, bei Beitellung von VBormündern, Pflegern, FJür-
'orgern und Helfern mitwirken Können — immer im Verbindung mit den
lebt don wirkenden Organijationen. Das „Iugendgeriht” Hätte das
zegebene Hiljsorgan. Endlich Könnte auch die Polizei feine Beihilfe bei
Überwachung der Proftitution, der weiblichen Bedienung in WirtfhHaften
uf. in Anfprud nehmen. In gleidher Weife wie die Fürforgezöglinge
fönnte das Jugendamt endlich die unehHheliden Kinder, die Koft-,
Bieh und BPflegekinder unter feinen befondern Schuß nehmen.
Der [Höne Gedanke der „KriegSpaten]AHaft“ würde, wenn über.
all Suagendämter zur Mithilfe in Anfpruch aenommen werden Könnten,