Full text: Geburtenrückgang u. Sozialreform

D, Bekämpfung des Geburtenrüdganges 209 
Berechtigung und Grenzen der Junggefjellenfteuer und der 
Behandlung der Junggefellen in der Beamtenbefoldung und im Erbrecht 
zurüd, 
Prinzipiell Haben wir un bereitz zu der Anfhanung bekannt, daß 
ih die Bejteuerung nach) der Leiftungsfähigkeit und die Bejoldung nach 
den ftandesgemäßen Bedürfnijjen bemelfjen follen, und daß in beiden 
RNichtungen der Junggejelle günftiger fteht als der Familienvater. Wir 
ind deshalb — um zunächft unjere prinzipiellen Erörterungen auf diefe 
rage zu Lonzentrieren — für eine jtarfe Junggefellenjteuer. Der Yung» 
gefelle joll es wirtjHhaftlich nicht befjer Haben al8 der Familienvater, Wir 
geben denen recht, weldhe fagen, daß gerade die Junggefellen durdh ihre 
gefteigerte Lebenshaltung das Maß der ftandesgemäßen Lebensnotdurft 
itetig erhöhen und jo auch dem Familienvater das Leben erjchweren 
oder doch ihm die Ungleichheit der Lebensgenüfje bitter zum Bewußtfein 
bringen. Wir verurteilen auch fittlih aufs [Härffte jene epikureildhe Lebens» 
auffaljung, die in der Befriedigung einer gröbern oder feinern Ge- 
nußlucht — auch die äjthetifjher, Kinftlerijdher oder gar „wiffen]haftlicher” 
Natur nicht ausgejchlofjen — ihr Leben3ziel Jucdht und fidh alles egoiftifch 
ternhält, was nad) Entjagung, Opfer, Einfjhränkung und Unterordnung 
unter bie Pflicht erjheint. Faft noch widerlidher erfheint unZ die faule 
Bequemlichteit oder der SGeift mammonifjtijdher Kalter Berechnung, oder 
der träge alfoholijdhe Wirtshausjinn, die jo mandhe von Hymens Banden 
fernhalten. Söher ftehen die, welche vor lauter Berufs» und Erwerbseifer 
feine Zeit finden, an die ChejHließung zu denken, bi? e3 — zu fpät ift. 
Alle dieje verdienen gewiß, mit einer ftarfen Junggefeilenfteuer. zu einer 
zgeiundern Lebensführung erzogen zu werden. IJunggefellen diefer Urt 
jorbern mit NMecht den Manneszorn der Vertreter der Bevölferungspolitik 
heraus, und dieje Spezies des Junggefellentums ift e8 auch, die am meiften 
lich vordrängt und Ärgernis erregt. Eine nachlidhtigere Beurteilung ver- 
dienen don jene Ängftlihen, Übervorfidhtigen und Zaghaften, die nicht 
die Kraft, den Mut und daz Gottvertrauen gewinnen, den Kampf mit 
den Sorgen und Schiejalsichlägen des Lebens, die allerdings den Familien» 
vater härter treffen al3 den Iunggejellen, auf fihH zu nehmen. Allen 
diefen gegenüber fteht nun aber auch die große Zahl von Männern und 
Frauen, die aus durdaus berecdtigten, oft hodacdhtungs- 
werten Gründen, unter Einjegung einer Hohen fittliHen Kraft 
und Selbitbeherridhung und mit dem Haren Bewußtlein des großen Opfer8, 
daß fie eines beglüdenden Familienlebens entbehren, nicht zur Che {OHreiten. 
Denken wir doch an die zahlreichen kFänkfliden, küppelhaften, erblidh be 
lafteten oder geiftig minderwertigen Berfonen, denen die Pflicht gebietet, 
nicht zu Heiraten. Oder an die, denen die Mittel fehlen, eine Familie zu 
ernähren. Allen diefen wird das Opfer gewiß wefentlich erleichtert durch 
dige, Geburtenrüdgang und Sozialreform ?
	        
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