210 Hige, Geburtenrüdgang und Sozialrejorm
das Vorbild derer, die aller Bedingungen eines glücdlichen Famtlienlebens
Jh erfreuen und trogdem au3 Höhern ethijdhen Beweggründen auf dasfelbe
verzichten. Und auch foldhe gibt eS in großer Zahl. Bald find es religiöfe
Sründe oder Rücfichten des Berufs, 3. B. bei Katholijhen Seiftlichen,
Ordensjihwefjtern, Lehrerinnen, Offizieren, bald ft es die Liebe zu Eltern,
Sefhwijltern oder fonjtigen Verwandten, die zu verjorgen find u. a. m.
Und auch leßterer gibt eS weit mehr, als die große Welt weiß. Dieje Opfer
werben {till gebracht. Wir find überzeugt, daß auch der gegenwärtige Krieg
Joldhen fittliden Opfergeift weden wird, indem mandjer Bruder oder Onkel,
mandje Tante oder Schweiter unvermählt bleibt, um den Kindern des
im Rampfe fürs Vaterland gefallenen Bruders oder Neffen des Vater?
Stelle zu erjeben. So oder ähnlich denkt und handelt aber nicht bloß diefe
idealfte Gruppe der „Junggefellen“”, jondern auch in andern Gruppen
gibt e8 Hunderttaufende, die zwar nicht für eigne Kinder, wohl aber für
die verwandter und fremder Familien große Opfer bringen. Onkel und
Tante leiften in mandjen Familien mehr alz Vater und Mutter, und
mandje8 Einderlofe Chepaar hat mehr Kinder „hHochgebracht“ als mit eignen
Kindern gefegnete Cheleute, Schon mandjer Bauernhof ijt nur dadurch:
gerettet worden, daß Bruder oder Schweiter auf dem Hofe verblieb
und, auf Che und Erbteil verzichtend, dem Anerben in der Bewirtihaftung
des Sutes und der Erziehung der Kinder treu zur Seite ftand. Diele
Leiftungen Jind jedenfalls in der Abjicht felbjtlojer und Können auch in den
Wirkungen fegensreicher fein als die für eigne Rinder. Und wenn 3. B.
das evangelifdhe Pfarrhaus und die Lehrerfamilie (leider müjjen wir hier
beifügen: in ihrem frühern Kinderreichtum) mit Recht gepriejen werden
al3 die bevorzugten Seburtöftätten hervorragender Männer und Frauen
in der Wiljen]haft und Kunft, in der Verwaltung wie im gewerblichen
Leben, jo würde das Bild eine interejjante Erweiterung erfahren, wenn
auch alle die einmal reden würden, die dem zZölibatären katholijdhen Pfarr-
Haufe oder einer befcdheiden befoldeten Lehrerin Studium und Lebensftellung
verdanken. Aber auch felbft foldhe, die aus weniger edlen Beweggründen
nicht zum Heiraten kommen, fühnen oft bewußt und reichlidh ihre Schuld
durch Unterftüßung armer Verwandten oder Hinderreidher Familien oder
folder Anftalten und Vereine, die den Familien dienen. Alle diefe Dar-
legungen beweifen, daß e3 ein großes Unrecht wäre, alle „Junggefjellen“
und Sungfrauen gleichmäßig zu beurteilen und zu behandeln. Anderleitz
t e8 freili@ unmöglich, eine Junggefellenfteuer etwa nad) den Motiven
des Sunggefellentums abzumejfen. Und doch bleibt der Gedanke berechtigt,
daß jeder Staatsbürger in der Tat nicht bloß gegenüber dem beftehenden
Staate Pflichten Hat, fondern auch für defjen Zukunft mitjorgen muß,
jet e8 „in natura”, d. 9. durch Kinder, fei e3 indirekt, durch Unterftügung
bderieniaen, die dem Staate Kinder Ichenkfen. Um allen dielen SGeficht2»