Full text: Geburtenrückgang u. Sozialreform

Der Geburtenrüdgang imLichte der Statiftik 288 
höher fein, 3. B. in antvadhfenden Städten, al8 dort, wo durch Wegzug der Iugend 
bie ältern Cheleute jtärker vertreten find, z. B. auf dem Lande, Endlich kommt auch 
der Beruf in Beiracht (vgl. oben). So’hat man die günftige Geburtenziffer der Katho- 
iten auf ihren ftärfern Anteil bei der Landwirtfhaft zurücführen wollen, Dem 
itehen aber die oben (S. 228) gewürbigten Tatfachen gegenüber, Neuere weifen 
auf die ftärtfere Beteiligung der Katholiken in der Hnderreichen Bergarbeiterfchaft hin, 
während man vielleicht aud) umgekehrt [AHließen Könnte, daß der günitigere SGeburten- 
tand bet den Bergleuten durd) die größere Zahl der Katholiken verurfacht fei, Jeden- 
[all8 zählen bie Kathofijden Bergleute mehr Kinder al8 die nichtfatholijdhHen.!) Ber 
jondere Vorficht ijt auch bei Vergleidungen des Rückgang es der Geburten oder 
der Fruchtbarfeitsziffer verfhiedener Bezirke oder Gruppen erforderlidh, Vor allem 
darf nicht vergelfen werden, daß ein beftimmter prozentueller Rüdgang ganz verfchieden 
zu bewerten ift, je nadıdem der Geburtenjtand felbit Hoc oder niedrig ijt. Wenn 3. DB. 
bie eheliche Fruchtbarkeitsziffer von 1880/81 bis 1912 in der Provinz Hannover vor 
243 auf 185 herabging, fo ift diefer Rüdgang um 58 jedenfalls bedenklicher, als wenn 
fie in Weftfalen in diefer Zeit von 312 auf 250, alfo um 62, [ank. Diele Unterfhetdung 
Tommt natürlich auch für den Vergleidh des Gebhurtenrücganges bei Katholiken und 
Proteftanten in Betracht. Bei voller und loyaler EinfjHägung aller diefer fonkurrieren: 
ben Einflüffe, die bald den Katholiken, bald den Proteftanten zugute Kommen, darf 
wohl als Refjultat feitgejtellt werden, daß jedenfalls bisher der katho- 
lifde Bolksteileine ftärkere Wibdberfjtandzkraft gegenüber diefer 
bedrohliden Zeitkrankheit erwiejen hat, al8 die übrigen Volksiqhichten, Wir Jagen 
nicht: die evangelifchen Volkjdhichten. Denn fowenig man etwa Frankreich feit mehr 
al8 Hundert Yahren als „Katholifjdh” aniprechen kann — die gut-Iatholifchen Rrovinzen 
Bretagne, VBendee, und des flämifchen Nordens zeidhnen fich auch Heute nod) durch Kin- 
berreichtum aus (Leroy-Beaulien) —, fowenig [ind die treu evangelijdhen VBolfskreife‘ 
für die Kinderarmut der religibs und politijdq radikalifierten Sroßftädte und Induftrie- 
bezirfe verantwortlich zu machen. Dasfelbe gilt natürlich auch für die [ogenannten 
„fatholifchen“ SGroßitäbte und Bezirke, in denen durch die vereinigte „Kulturarbeit“ 
einer religionsfeindliden Kunft und Preffe -— oft unter wohlwollender Förderung. 
der Herrfchenden Kreife — und durch den jtarken Zujtrom fremder Elemente der feite 
Boden Hriftliher Anfhauung und Sitte untergraben worden ift und fo auch immer. 
weitere Kreife der Katholiken diejem Einfluß verfallen. 
Sm allgemeinen ijt der ZufammenhHang zwifden Neli- 
giofjitätund Geburtenzahl „jür denjenigen, der einigermaßen: 
Eindlic ins Menfchentum gewonnen hat“, wie Geheimer Medizinalrat: 
Borntraeger (Düfjjeldorf) auf Grund reicher Lebenzerfahrungen 2) 
Feftitellt, „etwas ganz Selbftverftändliches”. 
Geheimer Mat v. Gruber „kann e8 nicht begreifen, wie man die 
Bedeutung des Dogmenglaubens der Konfeffionen für die Natalität leugnen: 
fann“. „E83 ijt fein Zweifel,“ fo meint er, „daß dort, wo die Katholifdhe 
Kircheniehre noch Felt in den Gemiütern wurzelt und die Gemüter bindet, 
die Geburtenzahlen noch Hoch find, daß dagegen dort, wo rationaliftijhes 
Denken und die Lehre von der Selbjtherrlihkeit des Individuums . . . die 
Lehre, daß e3 Kulturpflicht fei, fih möglichjt viele Lebenzgenüffe anzu 
3 Bedera. a. D. 500. 
2) _Kreuzzeitung“ vom 7. November 1913,
	        
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