C. Gründe des Geburtenrüdganges
Die Hoffnung, daß mit dem wachjenden Wohlijtand, der fteigender Kultur
dem vertieften Verantwortlichteitsgefühl infolge der gemwerkfchaftlichen
Erziehung die Wertjhägung der Tätigkeit in der Familie fichH erhöhen
ud damit die Fabrikbejdhäftigung der verheirateten Frauen abnehmen
ırdirde, hat fich in keiner Weije erfüllt. Oft, 3. B. bei Krankheit, Arbeit3-
Infjigfeit oder Zod des Mannes, mag 23 die harte Not fein, die zur Fabrik
heichäftigung drängt. Aber öfter noch ijt es Mangel an Einficht, die Über-
IMHägung des baren Verdienjtes und der damit ermöglidhten geuußreichern
Befjtaltung des Lebens, welche zur Fabrifarbeit verlodt, während die
Schäden nicht genügend gewürbigt werden.
Die verheiratete Frau und Mutter gehört ins
Haus, an die Wiege ihres Kinde 8.1) Hier ijt der Kreis Heiliger
Bflidhten, deren treue Erfüllung mit einer regelınäßigen Befdhäftigqung
zußerhalb des Haujes nicht vereinbar ift. Die WiedereinfeBung Diefer
Vebensweigheit in volle Geltung Ht vor allem die erjte und drin
gendite Maßnahme zur Bekämpfung des Geburten-
rvädganges. 6 ift nicht zufällig, daß diefer gerade in den Bezirken
der Textilinduftrie am ftärken fich geltend macht. Die Gründe find Har.
Die berufsmäßige Fabrikarbeit entirenıdet der ftillen Häuslichkeit, Der
gute Verdienjt der Arbeiterinnen, die viele freie Zeit nach der Arbeit und
Sonntags weden das Gefühl der Freiheit. Da wird die Gebundenheit
an das Haus als Fefjel empfunden, der man auszuweichen {trebt. Geichie.
Siebe und Opferfinn fehlen, um fih den neuen Aufgaben, die mit der
Che übernommen worben find, freudig und mit Eifer zu widmen. So kann
von vornherein auch die Liebe und Freude an dem Kinde und erft recht au
mehrern Rindern nicht auffommen, wenn nicht ein befonderes Pilichtgefühl,
geftitbt durch reiche Begabung des Gemütz und des mütterlihen Sinnes,
zu Hilfe fommt. Muß nun aber auch noch die Frau der zyabrikberhäftigung
nachgehen, dann werden die Kinder erft recht zur Loft. Schon vHyfich
muß die Mutter unter der doppelten Belaftung zufjanm-
menbredjen. Man denke: morgens früh müffen die Kinder gewedt,
gefleidet, zur Schule . fertiqgeftellt werden, für Mann und Kinder jofl
das Frühltüc bereitftehen. Dann eilt die Frau zur Fabrik. Mittags geht’?
in gleicher Weife, AWoends kehrt fie todmüde zurüg, Und num nod) all die
Häusliche Arbeit: Bereiten des Abendbrotes, Beforgung der Kinder, lien,
Walchen, Pußen, Ordnen des Haufes ujw. Daß all diele Arbeiten nur in
Eile und oberflächlich gemacht werden Können, ijt Har. Vor allem aber:
wer übernimmt die Ernährung und Pflege des Säuglings, die Beauf-
lichtigung und Erziehung der Kinder mährend der Arbeitsftunden? Vielleicht
bilit eine alte Mutter oder Verwandte aus, öfter aber werden die Rinder
7) Bgl. „AÄrbeitermohl” 1898, Heft 1. — Bohle L., Frauen Fabrifarbeit und
rauenirage. LZeibzia 1890.
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