Full text: Geburtenrückgang u. Sozialreform

Hite, Geburtenrüdgang und Sozialreform 
Aujacdh in ber Wohnung eingelHloffen fich felbft überlajlen oder muß die 
Unterbringung in nachbarliher Pflege gegen armfeliges Entgelt als 
Aushilfe dienen. Was aber foll werden, wenn Krankheiten fommen, 
Zchwangerfhaft und Wochenbett eintreten? So erweijt eine einfache 
Betrachtung der Verhältnijfe, daß e8 nur eine natürliche Folge ft, wenn 
in folden Familien einmal die Säuglingsfjterbl iO feit jehr groß 
jt, daß anderfeit3 aber, wenn nicht die Hrijtlichen Qebensgrundfäße nodı 
Hef tn Gemit und Willen eingewurzelt und jtark lebendig find, Mann 
und Frau bald fih einigen werden, der Vermehrung der Kinderzatl 
Schranken zu jeben.. 
Auch hier Kanı nur die volle Rückehr zuur Prinzip die Heilung Oringe. 
daß Mann und Frau bei Eingehung der Ehe fich fofort HNar jind, daß dem 
Manne die Ernährung der Familie, der Frau aber die Führung des Haus- 
haktz und die Pflege und Erziehung der Kinder obliegt. Wenn und jotweit 
zunächit noch Freie Stunden neben dem Haushalt Kbrigbleiben, ınögen fir 
zur weitern Ausbildung in der Haushaktungskunde, der Säuglingspflege, 
der Krankenpflege ufmw. dienen, gegebenenfalls der befdheidene Verdienft 
aimaiger Heinarbeit oder Stundenbefhäftigung einer vollen außerhänd- 
ichen Tageshe{chäftigung vorgezogen werden. 
Über die Urlachen und den Umfang der „BefHäftigung verheirateier Frauen in 
Sabrifen“ haben die Berichte der Gewerbeauflichtsbeamten für 1899 eine Fülle vor 
Material ergeben, das in einer Denkjchrift, bearbeitet in Neidhsamt des Innerı 
Berlin 1901, Deder) zujammengeftellt ift. — Bezüglich der Wirkungen nur einig! 
Beifpiele: Dr. Max Morgenitern berichtet aus den Werkitätten der Offenbacher Leder 
wyarenarbeiter:. „Der gefhledhtlide Verkehr der Arbeiter beginnt früh und meilteue 
»hHne ehelidhe Bindung. Mit dem maichinenlofen Betrieb ift die Unterhaltung bei der 
Arbeit ermöglicht, greift vor allem die Aufklärung fexueller Vorgänge und nicht zum 
zeringjten des präventiven GeijchlehtsverkehrS um fich.“ So ift es erflärlich, daß in 
90 Offenbacdger Urbeiterfamilien mit SurchjHniitlicher fechsjähriger EChebauer fid 
nur 80 Rinder fanden.!) — In der Veipziger Ortskfrankenkaffe Iamen (nad Unter: 
uchungen von Mayet) auf 10752 Wochenbetten der erwerbstätigen Frauen 1664 
Fehigeburten, d. i. 15% Prozent, dazu 1,7 Rrozent Frühgeburten; auf 11 018 Wochen 
zetten der freiwilligen (nicht gegen Lohn bejhHäftigten) Mitglicder nur 254 Fehlgeburten, 
9. i. 2,8 Prozent, dazu 0,2 Frühgeburten. Auf 100 KWochenbetten bei den Metall: 
arbeiterinnen (darunter Bleigewerbe) und Bolierinnen ftieg die Zahl der Fehl 
and Frühgehurten fogar auf 58,6 Prozent.”) Uus einer Gruppe von 95 Arbeiterinnen 
im Bezirk Niederbayern wurde Fejtgeitellt, „Daß ihnen 217 Kinder fämtlich im erften 
XYahre gejtorben maren an Lebensihwäde, Fraifen, Qungen- und Darmleiden ufwv, 
meilten3 in den erften Wochen und Monaten“, Für Plauen wird berichtet, daß, während 
die Gejamtiterblichtkeit erheblid abgenommen habe, mit der Zunahme der Fabriken 
die Säuglingsijterblidhkeit beträchtlich geftiegen fei, und zwar von 28,8 in den Jahren 
1800-—1824 auf 32,4 (1825—1889), 84,8 (1850—1899 und 43.9 (1875—1899) auf 
ie 100 Sterbefälle. (DenkfcHrift.) 
Die Krieg3zeit Hat eine gewaltige Steigerung der Be: 
“häftigung von Arbeiterinnen gebracht, und zwar nicht 
N Bernana 18. 2 Medizinalvolitiiche Reitfragen, (Heidelberg 1917) GHeit 3, S. 38. 
36
	        
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