38 Hige, Geburtenrüdgang und Sozialreform
der Genußjucht, der Gitelteit und Bequenilichteit. In Lichte der Hritkt-
üchen Lebensauffaflung find Mutter und Kind mit einer Würde um-
Heidet, daß die Verfuchung fOweigen nınk.
Soweit das politive Chriftentum noch jeine Geltung in Anfchaumug
and Leben behauptet, blühen auch die Chen in reihem Kinderlegen. Mit
sem Eindringen rationaliftifcher und materialijtijcher AniHauungen gewinnt
die Kinderfhen Boden. So ift e& nicht zufällig, wenn in den Städten
und Bezirken, in denen der religiöfe und politifde Ra-
Sitaliamus breiten Boden gewonnen Hat, aud) der
Beburtenrücgang anı ftärkjten fi geltend macht, während ungelehri
auf dem platten Lande, wo die Religiolität in: Bolte noch lebendia it
28 nod) gut itehi.
Der ftarfe Unterichied zwifhen SGrokitadt und Land liegt, wie das oben bereit?
zuerkannt ift, gewiß zum guten Teil in den für die Kinder günftigern gefundheitlichen
und wirtihafilichen Lebensbedingungen des Landes, aber wenn Ddieje Aufftellung
jopgar dahin geprägt worden ift, daß diefelben egoiftifdgen Seweg:
zründe, die in der Stadt zur Einfhränkung der Kinderzahl führten, auf dent
Qande ihre Vermehrung vernrjachten, fo ijt diefe Nednung ebenfo Öfonomifch 1wi-
pfycdhologild durchaus verfehlt. Rein materialiftifh gerechnet rentiert fidh auch für
den Bauern die — Kälberaufzucht immer noch IHneller, ficherer und reichlider als
bie Kinder,aufzucht“. Bor allem aber verlangt jie weniger perfönliche Opfer,
Mühen und Sorgen, zumal für die Heute (bei den fHwierigen Dienftbotenverhäll
1iffen) doppelt und dreifach belaftete Heinbäuerlide Hausfrau und Mutter, Soweit
vie Hilfe in der Arbeit in Betracht Kommt, bedeutet das Kind in feinem erjte
Yahrzehnt jedenfalls eine ftarfe Mehrbelaftung; auderfeits aber reihen für die fen
3 we d zwei ober drei Kinder aus, Diele ganze Rechnung ftellt fih für den deutfhen
Bauer nicht anders wie Für den franzöfildhen. Wo jolde Berechnung einmal Einfluß
gewinnt, greift auch bereits in deutlichen JandwirtfhHaftlidhen Bezirken das Z we:
finderfuftem um fid, und zwar in den Bezirken des Anerbenrechts eben 0
mie in denen der gleichen Erbteilung. In erjtern Bezirken iit es zugleich die Sorge
Hür die Nachgeburenen, in lestern die Furcht allzu großer BZerfplitterung oder Über
jhuldung des Gutes, die zur Cinfhränkung der Kinderzahl drängt. Wenn und joive.f
28 bei un5 noch gut {teht — und Gott fei Dank ift das die RMegel —, jo verdanu ke:
mir das dem gefunden fittlidgen Empfinden und dent
tiefen religiöfen Glauben, der nodh in unferer bäuerliden Bevölferung
lebendig ift. Das gleiche gilt für die jandwirtihaftlichen und auch für die in
daujtriellen Arbeiter, die au? dem Lande wohnen und noch dem Einfluß der länd-
lüchen AUnfhauungen und Sitten [ich einfügen. Diefen Fomntt dann freilich die ftarte
Jändlihe Sitte auch in der Weife zugute, daß das vierte Gebot auf dem Sande
noch Geltung hat und die Kinder in dem elterlidjen Haufe bis zur Gründung eines
zignen Heims verbleiben und fich freuen, den Eltern in Dank zu veragelten, mas biefe
hnen an Liebe und Fürforge zugewendet haben.
Die innigen Beziehungen zwifchen Keligiofität und $inderzahl erweifen fich auch in
den einzelnen Familien. So ift bezeichnend, daß, während auf rein evangelilche und
cein Katholijche Baare z. B. in Preußen von 1875 bis 1900 auf je eine Chefchließung
oier und fünf Kinder Kamen, diefe ZahHl für die ge m ildten Chen nur drei betrug
fiehe Anlage). Am folimmiten fteht es in den rationalifti[ch durchfebten ; dd i-
ihen Benölterunastkreifen. Tiel doch die Geburtenziffer der yreuRifchen Yıuber