10391]
Die Voraussetzungen der merkantilistischen Handelspolitik. 581
Regierung (vergl. oben 5 89, 106 und 249) mit zunehmender Geld- und Kapital—
wirtschaft, mit stehenden Heeren und staatlichen Flotten, vielfach mit Kolonien, mit
expanfiven Tendenzen. Zufällige politische Schicksale, Bündnisse, fürstliche Ehe- und
Verwandtschaftsverhältnisse, Krieg und Frieden, sowie Annexionen bewirkten äußerlich
diese Staatenbildung. Innerlich war es das steigende geistige Leben in Litteratur,
Kunst, Wissenschaft, Religion, das mit dem erleichterten geistigen Verkehr, mit dem sich
bildenden Rationalgeist auch auf die politische Einheit der Nationalstaaten hindrängte;
es war ebenso der wachsende Verkehr, der mit Ausbildung der Posten (15860-1700),
dem verbesserten Schiffs-, Kanal- und Straßenbau die interlokale Arbeitsteilung förderte,
die vordringende Geldwirtschaft, die zunehmende Kapitalbildung, der beginnende Kapital⸗
nmarkt, die großen Messen, welche Tausende von wirtschaftlichen Maschen enger knüpfte.
Der Handel bewegte jetzt neben den Gewürzen die neuen Kolonialwaren Kaffee und
Thee; Indigo und Zucker, Gewebe, vor allem Getreide, Holz, Teer, Metalle wurden
seit 1600 in viel größeren Mengen auf größere Entfernungen verführt. Die Formen
des Handels wurden andere: der Kaufmann brauchte seine Waren nicht mehr so wie
ruher persönlich zu begleiten; es entstand der Kommisstonshandel, der Kauf nach Proben
auf den Messen; es bildete sich der Geld- und Kredithandel in Zusammenhang mit
den Staatsfinanzen, sowie die Anfänge des Spekulationshandels. Lauter große wirt-
schaftliche Zusammenhänge entstanden so, welche die Produktion in Abhängigkeit vom
Absatz, von Grenzen, von Zöllen viel mehr als früher brachten, welche größere Märkte
ndtig, die Beseitigung der bestehenden engen mittelalterlichen Schranken erwünscht
machten. Das wirtschaftliche Bedürfnis nach größeren Staaten und nach freierem Verkehr
in ihrem Inneren stieg außerordentlich; und noch mehr nötigte die Machtkonzentration
die Völker, die sich behaupten wollten, dazu, sich politisch und wirtschaftlich zusammen—
zufassen, sich auszudehnen, um Absatz draußen, um Machtsphären und Kolonien zu
kämpfen.
Der Welthandel war seit 1600-1700 ein wesentlich anderer geworden. Seine
Hauptlinie hatte früher von Indien über Agypten nach Italien, Deutschland und den
Riederlanden geführt, und in kleinen Stationen reichten sich auf dieser Linie die Städte
und Kleinstgaten, die sich in ihn teilten, die Hand. Die Türkenherrschaft in Vorder—
asien und Ägypten hatte alle Straßen nach Indien in die Hand bekommen; die
Europäer hatlen bis ins 16. Jahrhundert nur im Mittelmeer und der Ostsee einen
erheblichen Handel. Das große Zeitalter der Entdeckungen änderte das. Die Portu⸗
giesen hatten den Seeweg nach Ostindien, in die Länder der Gewürze 1497 gefunden,
die Spanier den nach Centralamerika. Die ersteren hatten rasch den arabisch⸗ägyptischen
Seehandel gewaltsam vernichtet und Lissabon das Monopol des Gewürzhandels verschafft.
Die Spanier hatten sich in den Besitz der großen amerikanischen Silberbergwerke gesetzt und
große abhängige Reiche dort gegründet. Die anderen am Ozean liegenden Staaten und
Völker suchten diesen Bahnen zu folgen, am neuen ozeanischen Handel, am neuen
Kolonialbefitz teilzunehmen. Der weit ausgedehnte direkte Handel einerseits nach Ost—
indien und den Gewürzinseln (den Molukken), andererseits nach Westindien und Central⸗
amerika, dessen Besitz Spanien so kaufkräftig durch jeine Silberflotte machte, das großer
Mengen europäischer Manufakte bedurfte, galten von 1550 - 1800 als die Hauptquellen
des Reichtums. Ausgebeutete Kolonien mit Plantagen und abhängigen Bevölkerungen
hatten die Punier und die Römer und im Mittelalter die großen italienischen Rommunen
in Syrien, Kleinasien, auf den griechischen Inseln gehabt und daraus einen Hauptteil
ihres Reichtums gezogen. Jetzt handelte es sich um viel Größeres. Die europäischen
Bölker begannen weite Gebiete auf der ganzen Erde, vor allem in der heißen Zone, in
Besitz zu nehmen; sie mußten hier die Herrschaft von Millionen Menschen niedriger
Kultur, ja teilweise roher Barbaren übernehmen; das Problem war unendlich schwierig;
gewaltfame und voreilige Christianisierung wurde versucht; teilweise begann ein brutaler
Vernichtungskampf gegen die Wilden; die Erziehung der farbigen Menschen zur Arbeit,
ihre Be- und Ausnutzung auf den Plantagen und Bergwerken war unsagbar schwer;
die Formen harter Sklaverei und Hörigkeit stellten sich wieder ein. Aber wo es *