Full text : Hundert Jahre J.P. Bachem, Buchdruckerei, Verlagsbuchhandlung, Zeitungsverlag

Als  sie  am  27.  April  1856  dem  Verlagsbuchhändler  Josef
Bachem  am  Altäre  die  Hand  reichte,  prophezeiten  ihr  geschwätzige
Zungen  wegen  der  schlanken,  schwächlichen  Gestalt  ihres  Mannes:
„Das  gibt  eine  junge  Witwe!“  Stolz  war  und  blieb  sie  aber
darauf,  daß  trotz  des  sehr  angestrengten  Lebens  und  der  schweren
Zeiten,  die  er  durchmachte,  ihr  Gatte  auch  körperlich  gesundete
und  gedieh,  niemals  ernstlich  krank  gewesen  war  und  unter
ihrer  Pflege  das  recht  ansehnliche  Alter  von  72  Jahren  erreichte.
Alle  Geschicke  und  Entwicklungen  der  Firma  lebte
Catharina  Bachem  mit.  Nicht  nur  die  großen  Entschlüsse  und
Unternehmungen,  sondern  auch  die  kleinen  Begebenheiten  des
geschäftlichen  Lebens  pflegte  ihr  Mann  mit  ihr  zu  besprechen
und  zu  beraten.  Wie  viele  der  ersteren  unter  dem  Einfluß  der
klugen  praktischen  Frau  zu  der  richtigen  Reife  kamen,  wird
wohl  nur  sie  selbst  wissen.  Es  war  Josef  Bachem  bei  seiner
temperamentvollen  Veranlagung  gleichsam  Herzensbedürfnis,  über
die  in  einem  lebhaften  Geschäftsbetrieb  niemals  ausbleibenden
kleinen  und  großen  Aerger-  und  Kümmernisse  bei  seiner  Frau
das  Herz  ausznschütten.  Seinem  bei  allem  Edelmut  und  aller
Gutherzigkeit  seines  Charakters  manchmal  aufbrausenden  Wesen
wußte  sie  freundlichen  aber  festen  Gleichmut  besänftigend  entgegenzusetzen. ­
  Die  gedrückten  Stimmungen,  denen  er  beim  Uebermaß
  der  Sorgen  hier  und  da  unterworfen  war,  wußte  sie  durch
herzliche  Teilnahme  und  klugen  Zuspruch  zu  verscheuchen,  ihm
neuen  Lebensmut  einzusprechen  und  seiner  Tatkraft  neue  Anstöße
zu  verleihen.
Stramme  Zucht  hielt  sie  unter  ihren  sechs  Kindern,  fünf
Söhnen  —  von  denen  einer,  August,  mit  17  Jahren  starb  —  und  als
jüngstem  einer  Tochter.  Gehorsam  und  Wahrhaftigkeit  verlangte
sie  mit  eiserner  Strenge,  so  weitherzig  sie  überschäumender
nicht  immer  geräuschloser  Kinderlust  gegenüberstand.  In  ihren
Erziehungsgrundsätzen  blieb  sie  ernst  und  folgerichtig;  aber  wo
sie  bei  ihren  Kindern  Liebe  austeilen  konnte,  da  öffnete  sie  ihr
ganzes  Herz.  In  Uebereinstimmung  mit  ihrem  Gatten  erzog  sie
ihre  Kinder  durch  Wort  und  Beispiel  in  Gottesfurcht  und  Rechtlichkeit, ­
  in  Arbeitsamkeit  und  Pflichterfüllung.  In  der  Anhänglichkeit ­
  und  Dankbarkeit  ihrer  Kinder  fand  sie  den  Lohn  für
dieses  Erziehungswerk.
Einfach  und  bescheiden  in  ihrem  Wesen,  von  Charakter
genügsam  und  anspruchslos,  ist  es  ihr  auch  am  Abend  ihres
            
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