248
Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
Süddeutschland am Hofe König Heinrichs VII. und vor allem
in sterreich unter Herzog Friedrich dem Streitbaren erhielt die
Lyrik einen realistischen, volkstümlichen, parodierenden oder gar
frivolen Zug. Der erste Sänger der neuen Art ist Gottfried
von Neifen. Er zieht den edlen volksmäßigen Ton Walthers
hinab ins Gemeine; er verwechselt das Volkstümliche mit dem
ichmutzig Rohen und dem bedenklich Lüsternen. Der volle Be—
gründer der neuen Art aber ist Neidhart von Reuenthal, ein
bairischer Ritter, der schon um 1215 als Dichter weithin be—
kannt war und vornehmlich am Wiener Hofe gelebt hat. Seine
dichterische Form ist die Tanzweise; wie die österreichische
Musikerfamilie der Strauß ihre Walzer, so hat er den Tanzleich
dem Ausdrucke jeder Empfindung zu Grunde gelegt, sogar gelegent—
lichen Denk- und Bittsprüchen an den Wiener Herzog. Inhaltlich
aber gab er der lyrischen Dichtung eine neue Färbung, indem er
ihr die Schilderung des bäuerlichen Lebens mit seinem Liebesglück
und Liebeskummer einverleibte. Doch geschah das nicht in
naivem Zurücksinken ins Volkstümliche, sondern mit bewußter
Einführung der bäuerlichen dörperheit in die höfischen Formen
des Liedes, im Sinne der Satire, der Parodie, zur Aufheiterung
der blasiert gewordenen Ritterschaft durch ein neues Thema.
Die neue, anscheinend so geistreiche Wendung, die dem Dichter
übrigens den wohlbegründeten Haß der Bauern eintrug, hat
vielen Anklang gefunden; ähnlich haben Burkart von Hohenfels,
Ulrich von Winterstetten und viele andere gedichtet. Indes liegt
es auf der Hand, daß eine so künstliche Grundlage der lyrischen
Stimmung der Nation überhaupt nicht völlig und niemals auf
lange Zeit genügen konnte. Auch das dörperliche Lied verfiel
gleich dem hohen Minnesang — und nun trat, seit der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, immer deutlicher ein wahrhafter
Valksgesang zu Tage, erst leise einsetzend, ein wenig roh gegen⸗
über dem Zartsinn der Minnezeit, natürlich fühlend gegenüber
früherer Konvenienz, empfindend überhaupt und nicht reflek⸗
tierend, von großer Einfachheit des Ausdruckes, niemals ge—
künstelt. Es ist die Lyrik der dörflichen Kreise des 14. und
i5. Jahrhunderts; bald sollte von ihr der Spruch gelten, daß