Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
Süddeutschland am Hofe König Heinrichs VII. und vor allem 
in sterreich unter Herzog Friedrich dem Streitbaren erhielt die 
Lyrik einen realistischen, volkstümlichen, parodierenden oder gar 
frivolen Zug. Der erste Sänger der neuen Art ist Gottfried 
von Neifen. Er zieht den edlen volksmäßigen Ton Walthers 
hinab ins Gemeine; er verwechselt das Volkstümliche mit dem 
ichmutzig Rohen und dem bedenklich Lüsternen. Der volle Be— 
gründer der neuen Art aber ist Neidhart von Reuenthal, ein 
bairischer Ritter, der schon um 1215 als Dichter weithin be— 
kannt war und vornehmlich am Wiener Hofe gelebt hat. Seine 
dichterische Form ist die Tanzweise; wie die österreichische 
Musikerfamilie der Strauß ihre Walzer, so hat er den Tanzleich 
dem Ausdrucke jeder Empfindung zu Grunde gelegt, sogar gelegent— 
lichen Denk- und Bittsprüchen an den Wiener Herzog. Inhaltlich 
aber gab er der lyrischen Dichtung eine neue Färbung, indem er 
ihr die Schilderung des bäuerlichen Lebens mit seinem Liebesglück 
und Liebeskummer einverleibte. Doch geschah das nicht in 
naivem Zurücksinken ins Volkstümliche, sondern mit bewußter 
Einführung der bäuerlichen dörperheit in die höfischen Formen 
des Liedes, im Sinne der Satire, der Parodie, zur Aufheiterung 
der blasiert gewordenen Ritterschaft durch ein neues Thema. 
Die neue, anscheinend so geistreiche Wendung, die dem Dichter 
übrigens den wohlbegründeten Haß der Bauern eintrug, hat 
vielen Anklang gefunden; ähnlich haben Burkart von Hohenfels, 
Ulrich von Winterstetten und viele andere gedichtet. Indes liegt 
es auf der Hand, daß eine so künstliche Grundlage der lyrischen 
Stimmung der Nation überhaupt nicht völlig und niemals auf 
lange Zeit genügen konnte. Auch das dörperliche Lied verfiel 
gleich dem hohen Minnesang — und nun trat, seit der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts, immer deutlicher ein wahrhafter 
Valksgesang zu Tage, erst leise einsetzend, ein wenig roh gegen⸗ 
über dem Zartsinn der Minnezeit, natürlich fühlend gegenüber 
früherer Konvenienz, empfindend überhaupt und nicht reflek⸗ 
tierend, von großer Einfachheit des Ausdruckes, niemals ge— 
künstelt. Es ist die Lyrik der dörflichen Kreise des 14. und 
i5. Jahrhunderts; bald sollte von ihr der Spruch gelten, daß
	        
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