Dichtung.
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verwandter Art erinnern, neuerdings Dichtungen wie die
Dauthendeys und Momberts bewiesen („Tag und Nacht“, 1894;
Der Glühende“, 1896; „Die Schöpfung“, 1898).
Ehe indes unmittelbar aus dem physiologischen Impressio—
nismus naturalistischen Charakters Formen einer neuen idea—
listischen Dichtung gewonnen wurden, war die Entwicklung
schon längst beflügelten Schrittes jenem Impressionismus zu—
geeilt, der neben die physiologischen Eindrücke immer mehr —
weit mehr als eben der physiologische Impressionismus —
psychologische und bald neurologische Eindrücke setzte.
2. Die Umformungen der innersten Seele der Lyrik, die
bei dieser Gelegenheit eintraten, sind schon einmal gelegentlich
der Schilderung der Dichtung der George und Hofmannsthal
kurz berührt worden: hier ist der Vorgang systematischer zu
verfolgen.
Das Entscheidende war, daß man in das Reich der pri—
mitiven Empfindungen, der ersten Reizvorgänge vordrang. Bis
dahin war die Psychologie der Lyrik wesentlich in der Be—
schreibung der Gefühle aufgegangen, hatte also den letzten
Effekt geschildert, der sich in der Seele aus der gedächtnismäßigen
Summation einer Fülle vorhergegangener einzelner Empfin—
dungen hervorbildet. Jetzt trat immer schärfer das Bestreben
auf, die einzelnen Augenblicke der Entstehung dieser Gefühle zu
unterscheiden und nur die Anfangsmomente aufzugreifen, also
das gleichsam wiederzugeben, was vor der Formulierung im
Gefühl durch die Seele gezogen war und bisher die Bewußt—
seinsschwelle noch nicht überschritten hatte: primitive Empfindung,
nervöse Reizvorgänge.
Damit wurden denn die Dichter langsam Meister der ge—
fährlichen Kunst, sich selbst in ein handelndes und ein leidendes
und in ein zugleich Handeln und Leiden beobachtendes Ich zu
zerlegen; in Wettbewerb traten sie mit den Psychologen und
den Psychiatern in dem Bestreben, sich bisher unbewußt ver—
laufender Reizvorgänge bewußt zu werden.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 17