Full text: Die wirtschaftliche Zukunft des Ostens

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Sitten, welde als ein Vermächtnis ihrer Urväter gelten und nur 
auf dem Wege einer inneren, von der nihtjüdiflhen Augenwelt un- 
abhängigen Entwidlung ergänzt werden. Der polnilde Jude Hält nod 
immer an jener Tradition des auserwählten Volkes Felt, derzufolge 
alles und jedes durgG Gott und für Gott gefdhieht. Die Religion 
durchdringt buchjtäblih alles in feinem Leben, von den aNlgemeinlten 
Moralgrundläken angefanaen bis zu den KHeinlichiten Einzelheiten des 
tägligen Lebens. 
Der teils in „jiddijhHer“, teil ins hHebräifdher Sprache in fpeziellen 
Privatiqhulen erteilte ReligionsunterridHt ilt in Kongrekpolen der einzige 
Unterricht, den der jüdifjd-orthodoxe Knabe empfängt. Theologie, Myltik, 
und Kabbala find die einzigen Wiffenfhaften, die von den breiten 
Schihten der orthodoxen Juden in großem Stile betrieben werden. 
Schriftgelehrte, Kabbalijten und in exaltierter Frömmigkeit lebende 
Männer, welde als Wundertäter gelten, ftehen hei den jübi/den Malen 
in hohem Anfehen, wobei ihnen diefe Mafjfen in allem gehorfjam find. 
Außer diefen Gelehrten aber, weldhe tatfächlih oft auf ihrem Gebiete 
höchijt Tenntnisreide Leute und Ffeinfinnige Kommentatoren jind, Dbe- 
findet fidH die weitaus größere Mehrzahl der Rabbiner auf einer jehr 
niedrigen Bildungs= und Kulturktufe. Kein Wunder alfo, daß unter 
dem Einfluß folder Leute und bei ungünftigen äußeren Bedingungen 
die große Malie der Juden in tieffter Unwifjenheit derfunken it. 
Die ruflilhe Negierung erließ für die Yuden in Polen eine Reihe 
von Ausnahmebeltimmungen, wie fie [Hon früher für ihre Stammes- 
und Glaubensgenoffen in Rußland gegolten Hatten. Zu den empfind- 
[ihften Borfhriften diejer Urt gehörte die FeltfeHung einer mazxt- 
malen Brozentnorm, über welde die Zahl der jübijchen Schüler 
an den Gymnalien, HochfHhulen und anderen Sffentlihen Lehrannitalten 
nicht hinausgehen durfte. Aber au auf anderen Gebieten des öffent: 
liden Lebens fuchten die rullifhden Behörden die Kluft zwilhen den 
Suden und der übrigen Bevölkerung Fünitlidh zu erweitern. Eine große 
Anzahl von den den Yuden im Yahre 1862 verliehenen Rechten wurde 
ihnen wieder genommen, fo das Necht, von Bauern Land zu Tfanfen, 
um [id in den Dörfern niederzulaffen, gewiffe Zweige des Handels 
3. B. mit Gegenftänden, die in einer gewifjen Beziehung zum griechi[d)- 
orthodoxen Kultus ftehen, zu betreiben, wie au nod) viele andere 
Rechte. Überhaupt behandelte man fie als Staatsbürger zweiter KIaffe, 
was natürlig bei den Juden einen Groll gegen die fie umgebende, ihnen 
gegenüber relativ bevorzugte yolnilhe Bevöllerung hervorrufen und 
nähren mukte. 
Sm Großhandel, vor allem im Tranfitverkehr, wurden 
neben Rohitoffen, wie Baumwolle, Wolle, Eifen, SI, Holz, vor allem 
Rehensmittel und Landwirtichaftlihe Erzeuaniife aehandelt, mie Kleie,
	        
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