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reitet hatte, weil fie ihr Ziel: die Rulfifizierung, nad dem Grundjaß
divide et impera! am ebhelten 3u erreidhen meinte,
Sn diejem nationalen Kampf war fHon zu Beginn unjeres Yahır-
Hunderts das baltijdhe deutfhe Element aus einzelnen Teineren Städten
ganz verdrängt worden; die Ruflifizierung Hatte aud) ihren Teil dazu
beigetragen, und als Folge bot id dem unparteii[chen Beobachter das
Bild ultureller Verödung. — Ob und wie weit das deutidhe Element
in den baltijHen Städten wieder Geltung und ein Mitbeltimmungss»
recht gewinnen wird, das wird die Zukunft lehren.
Sm Mittelpunkt des Interefjes der innerpolitilHen Fragen fteht
heute in den neuen Nepublifen Ejtland und Lettland die Agrarfrage.
Mie im Deutfhen Reid und in anderen europäifjden Ländern ijt aud)
bort das Problem der inneren Kolonifation akut geworden. Sn diejer
Frage finden aber aud andere Gelidhtspunkte einen draftijdhen Aus:
drud; Jo tritt befonders der aggreflive nationaliltilde Chauvinismus
der neu auf der MWelthühne erfheinenden Ejten und Letten hervor; der
Kampf gegen den Befigitand anderer Nationalitäten wird [Honungslos
geführt, und das nur zu ausgefprochene Streben niederer Ynitinkte geht
nad) mübhelojer und Koftenlojer Bereidherung an fremdem Eigentum.
So ift die Enteignung des deutfden Grokgrundbeliges in Ejtland bereits
zum Gejeß geworden. In Lettland aber herr/den zur Zeit Haotildhe
agrare Zufjtände, und die ungejekliche Belibergreifung des deutidhen
Grundbejiges ijt befonders im nördlidHen Teil der Tettifdjen Republik
bie NMegel. Die Vertretung des deutjdhen Großgrundbefikes in Lettland
ijt beitrebt, das Landbhedürfnis für die Zwede der inneren Rolonija-
tion dur) eine organifierte Landlieferung 3zU befriedigen, [oweit es
dur eine Aufteilung der umfangreichen Staatsdomänen nidt gededt
wird. Die fhledhten wirtjHaftliHen Erfahrungen, die man im benad)»
barten Eitland mit dem gegen den deutjhen Großgrundbelig gerichteten
Enteianungsgefeb gemacht hat, und der Umftand, daß 3U der Zeit,
wo die Aararfrage in Lettland ihre gefehlidhe Regelung finden wird,
vieleicht fhon nüchternere und wirt[Haftlidhe Erwägungen in den Vor-
dergrund treten, läßt dort dem Optimismus nod) Raum, aber auch
der Peflimismus findet Nahrung.
Ein Überfluß an wirtihaftlihH produktiven Kräften ilt in dem
jebr dünn hevölferten haltijden Gebiet nicht vorhanden, und eine
Berdrängung der einen oder anderen Nationalität würde darum nur
bie wirtfhaftlide Produktivität Herableken und damit die neuen Staats:
welen felbit [Hwäcden.
Die geringe Bevölferungsdihte im baltijdHen Gebiet ilt der Grund
bafür, daß die Bodenkultur no nicht die Intenlität erreicht hat, wie
in dichter hevölterten wefitliHen Ländern. Denn Fleiß und VBerjktändnis
Für den bäuerliden Beruf find die Tugenden der Eliten und Letten.