Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

316 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
kreises anknüpfend, von einer Unterscheidung des Vorstellungs— 
lebens in der Seele aus, die wir aus der Entwicklung der 
Psychologie her schon kennen. Unterscheidet die Seele die 
einzelnen Teile einer Vorstellungsmasse deutlich, so befindet sie 
sich im Zustande des Denkens. Faßt sie dagegen eine Menge 
gleichzeitiger Teilvorstellungen nicht mehr getrennt, sondern 
ins Ganze auf, so empfindet sie. Nun ist aber bei Sulzer 
Empfindung die psychische Grundvoraussetzung für die schöpfe— 
rische Leistung des Dichters: ein Satz, den Sulzer, dem 
schweizerischen wie dem Gleimschen empfindsamen Kreise an— 
gehörend, als unmittelbar gegeben der Wirklichkeit entnahm, 
wenn er ihn auch noch im Sinne der älteren ÄAsthetik durch 
die Behauptung zu motivieren suchte, Empfindung sei deshalb 
der ästhetische Zustand der Seele, weil das Umfassen einer 
größeren Masse von Teilvorstellungen mehr Vergnügen erwecke, 
als die Beherrschung einer einzigen. 
Nach alledem besteht für Sulzer die Wissenschaft der 
Asthetik in der Zergliederung der seelischen Empfindungen; 
und da, wo diese Empfindungen besonders voll, besonders 
wirksam auftreten, da findet er das Genie, den gottbegnadeten 
Künstler. 
Allein mit dieser Auffassung verbindet sich bei ihm nun 
noch eine andere Gedankenreihe, die für die Zeit höchst be— 
zeichnend ist, wie sie denn ihre Ausbildung nicht bloß Sulzer, 
sondern auch Eberhard (in seiner Allgemeinen Theorie des 
Denkens und Empfindens, 1776) verdankt, und die später bei 
Schiller ihre vollendetste ästhetisch-praktische Verwertung er— 
reichen solltei. Da nämlich Empfindungen eine größere Anzahl 
von Teilvorstellungen enthalten als die Begriffe, so gelten sie 
auch als wirksamer und drängen mehr zum Handeln als diese. 
„Die Empfindung bildet darum die Brücke vom abstrakten 
Denken zum Handeln,“ wie sich Eberhard ausdrückt. Aus 
Denken geht schwer, ja wohl niemals unmittelbar ein Wollen 
hervor; es muß erst durch den stärkeren Drang des Empfindens 
Vgl. unten Abschnitt 7 S. 399 ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.