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Zweiundzwanzigstes Buch.
kreises anknüpfend, von einer Unterscheidung des Vorstellungs—
lebens in der Seele aus, die wir aus der Entwicklung der
Psychologie her schon kennen. Unterscheidet die Seele die
einzelnen Teile einer Vorstellungsmasse deutlich, so befindet sie
sich im Zustande des Denkens. Faßt sie dagegen eine Menge
gleichzeitiger Teilvorstellungen nicht mehr getrennt, sondern
ins Ganze auf, so empfindet sie. Nun ist aber bei Sulzer
Empfindung die psychische Grundvoraussetzung für die schöpfe—
rische Leistung des Dichters: ein Satz, den Sulzer, dem
schweizerischen wie dem Gleimschen empfindsamen Kreise an—
gehörend, als unmittelbar gegeben der Wirklichkeit entnahm,
wenn er ihn auch noch im Sinne der älteren ÄAsthetik durch
die Behauptung zu motivieren suchte, Empfindung sei deshalb
der ästhetische Zustand der Seele, weil das Umfassen einer
größeren Masse von Teilvorstellungen mehr Vergnügen erwecke,
als die Beherrschung einer einzigen.
Nach alledem besteht für Sulzer die Wissenschaft der
Asthetik in der Zergliederung der seelischen Empfindungen;
und da, wo diese Empfindungen besonders voll, besonders
wirksam auftreten, da findet er das Genie, den gottbegnadeten
Künstler.
Allein mit dieser Auffassung verbindet sich bei ihm nun
noch eine andere Gedankenreihe, die für die Zeit höchst be—
zeichnend ist, wie sie denn ihre Ausbildung nicht bloß Sulzer,
sondern auch Eberhard (in seiner Allgemeinen Theorie des
Denkens und Empfindens, 1776) verdankt, und die später bei
Schiller ihre vollendetste ästhetisch-praktische Verwertung er—
reichen solltei. Da nämlich Empfindungen eine größere Anzahl
von Teilvorstellungen enthalten als die Begriffe, so gelten sie
auch als wirksamer und drängen mehr zum Handeln als diese.
„Die Empfindung bildet darum die Brücke vom abstrakten
Denken zum Handeln,“ wie sich Eberhard ausdrückt. Aus
Denken geht schwer, ja wohl niemals unmittelbar ein Wollen
hervor; es muß erst durch den stärkeren Drang des Empfindens
Vgl. unten Abschnitt 7 S. 399 ff.