Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre 7
worden sind. Nur in Italien und Frankreich sind für diese soziologischen
Zusammenhänge gewisse Vorarbeiten geleistet worden 2).
Eine Bevölkerungslehre in dem eben dargelegten Sinne ist so
umfassend, daß sie aus dem Rahmen der Volkswirtschaftslehre herausfällt.
Schon Adolf Wagner hat hervorgehoben, daß die. Bevölkerungslehre
kein Zweig und Bestandteil der Volkswirtschaftslehre,
„sondern ein ihr koordiniertes Glied der Gesellschaftswissenschaften
sei“. Er hat auch die Meinung vertreten, daß die Bevölkerungslehre
Anspruch darauf habe, neben der politischen Ökonomie als
selbständige Gesellschaftswissenschaft zu gelten ?).
Dem widerspricht es natürlich nicht, daß eine ganze Reihe von
Fragen der Bevölkerungslehre wichtige Bestandteile der National-Ökonomie
sind und in deren Rahmen eine wichtige Rolle spielen.
Man kann freilich beobachten, daß in der Stellung, welche die Fragen
der Bevölkerungslehre in den Systemen der Nationalökonomie einnehmen,
wenig Einheitlichkeit vorhanden ist. Das hängt hauptsächlich
auch damit zusammen, daß über Objekt und Abgrenzung
der Nationalökonomie sehr starke Meinungsverschiedenheiten vorhanden
sind. Es ist für die vorliegende Frage ein wesentlicher
Unterschied, ob man die Aufgabe der allgemeinen Nationalökonomie
darin sieht, „den Mechanismus des Tauschverkehrs“ zu erklären, oder
ob man als ihren Gegenstand „die auf Befriedigung ihrer Bedürfnisse
gerichtete Tätigkeit des Menschen“ bezeichnet. Je breiter und umfassender
das Gebiet der Volkswirtschaftslehre aufgefaßt wird, umso
eher lassen sich in ihr wichtige Fragen der Bevölkerungslehre mitbehandeln.
Man kann beobachten, daß entweder — wie z.B. bei Roscher
oder A. Wagner — der Lehre von der Bevölkerung ein eigener,
von den anderen Problemen auch äußerlich abgegrenzter Abschnitt
angewiesen wird oder daß die Behandlung der mit der Bevölkerung
Ausammenhängenden Fragen in das ganze System hineinverwoben
wird. In dem ersteren Falle gelangen in der Regel die Zusammen-')
Vgl. dazu J. Vanni, Saggi Critici sulla teoria sociologica della Popolazione.
Castello 1886, — A, Loria, La legge di popolazione e il sisteme sociale. 2, ed.
Padua 1897. — Fr. S. Nitti, La population et le systeme social. Aus d. Ital.,
Paris 1897. — A. Coste, Le Facteur Population dans Vl’&volution sociale. Extrait
de la Revue Internationale de Sociologie, Paris 1901. — H. F. S6cretan, La
Population et les Moeurs. Lausanne-Paris 1913. — Von deutscher Literatur vergleiche
F. Müller-Lyer, Die Zähmung der Noraen, 1. Teil: Soziologie der Zuchtwahl
und des Bevölkerungswesens, München 1918.
3) A. Wagner, Grundlegung der politischen Ökonomie, 3. Aufl. 1892, ı. Teil,
1. Halbband, 5. 448.