Geistesleben im späteren Mittelalter. 299
Absterbens — in Blütenlesen zusammengefaßt wurden. Ihre Art
aber gehört beinah noch der Urzeit an in der parabolischen Form,
die das Bild fast unvermittelt neben die Empfindung setzt:
Drei Laub auf einer Linden, die blühen also wohl:
Sie thät viel tausend Sprünge, ihr Herz war Freuden voll:
es ist, als ob die letzten Laute einer symbolischen Gemüts—
welt zu uns herüberdrängen!. Und wiederum gilt, wie
vor alters, der Frauendienst dem Mädchen; das ritterliche
Ideal unnennbaren Schmachtens gegenüber vermählten Frauen
ist entschwunden; keck und frisch dringt das Liebeslied ins Land,
klar, greifbar, gegenständlich, mag auch der Falke symbolisch
den Geliebten bezeichnen und die Blume das Mädchen. Daneben
aber nimmt sich die alte Weise auch neuer Stoffe an; sie packt
grobsinnlich die durch das engere Zusammenwohnen lüsterner
gestaltete städtische Welt an mit ihren modernen Verhältnissen,
sie lebt die sozialen Sorgen der tieferen Klassen mit, und sie
entwickelt die ganze Brutalität höhnenden Hasses, wenn es sich
um die Schilderung der Kirche, des Bettelmönch- und des
Nonnenlebens handelt.
Hier liegen die Berührungspunkte mit der im 14. Jahr⸗
hundert langsam emporkommenden, erst im 15. Jahrhundert
voll auflebenden bürgerlichen Poesie, mit dem Drama und der
Satire.
Die Satire in der Form gegenseitig hänselnden Scherzes
ist uralt. Und schon in der Stauferzeit waren aus ihr mit
Beihilfe anderer geistiger Strömungen gelegentlich litterarische
Formen entwickelt worden. So erklärt erst die Bußpredigt die
Erscheinung Heinrichs von Melk, so hängt die Satire eines
Neidhard von Reuental mit der alten Neigung der Tanzlieder
zu spöttischer Herausforderung zusammen?, und der satirisch—
didaktische Zug der Fabel spiegelt sich wider in den Schwänken
des 13. Jahrhunderts. Der tiefere geistige Untergrund für die
mVgl, Band 18 S. 188 (11.2. S. 179).
2 Vgl. Band III S. 225 f. und 248.