Die Vorbedingung, um wieder zu dem wichtigsten
Geschäftszweig der Sparkassen, dem langfristigen Investi-
tionskredite, zurückkehren zu können, war das An-
wachsen der Spareinlagen und die Rückbildung des zeit-
weilig unverhältnismäßig hohen Zinsfußes. Diese Be-
dingungen traten in erfreulicherweise kurzer Frist ein. Der
Einlagenstand erhöhte sich sprunghaft auf 54,207.000'--
Goldkronen (783% des Vorkriegsstandes) am Ende des
Jahres 1923 und auf 100,187.000'— Goldkronen (3'38% des
Friedensstandes) mit Ende 1024. Mit I Jänner 1025
gingen die Sparkassen auf Grund des Goldbilanzen-
gesetzes zur Schillingrechnung über und stellten Gold-
eröffnungsbilanzen auf. Durch die Neubewertung aller
Bilanzposten wurde der wahre Wert des Eigenvermö-
gens, das heißt der Reserven ersichtlich. Der Einlagen-
stand blieb durch die Goldbilanz im wesentlichen un-
verändert. Der Einlagenzuwachs dauerte fort. Ende 1925
war der Stand der Einlagen auf 337,082.000'— Gold-
kronen (1811% des Vorkriegsstandes) gestiegen. Auch
im Jahre 1927 hielt die Einlagensteigerung ungeschwächt
an, so daß am Finde dieses Jahres ein Stand von
S 080,035.000'— oder 686,830.000'— Goldkronen, das
ist 237% des Vorkriegsstandes erreicht wurde. Die
Entwicklung der Einlagen im I. Halbjahr 1028
blieb weiter günstig, so daß die Sparkassen mit
Ende Juni S 1.121,685.000'—, das sind 778,950.000'-—
Goldkronen oder 26'3% der Vorkriegsstände an Ein-
lagen ausweisen konnten.
Diese erfreuliche Entwicklung des Sparkapitals ermög-
lichte es den Sparkassen, zu ihren alten Geschäfts-
grundsätzen zurückzukehren. Es kann bei den meisten In-
stituten das Bestreben festgestellt werden, das ursprüng-
liche Geschäft der Sparkassen, das Hypothekardarlehens-
geschäft in steigendem Umfange zu pflegen. Heute ge-
währen schon wieder zahlreiche Sparkassen amortisable
Hypothekardarlehen mit einer Laufzeit bis zu 35 und
40 Jahren. Die Verarbeitung der Bilanzen des Jahres
[926 hat ergeben, daß nunmehr im Hypothekardarlehens-
geschäft 34'8°% der Einlagen veranlagt waren, während
dem Kontokorrentkreditgeschäft nur mehr 273% ge-
widmet wurden. Die übrigen Veranlagungsarten verteilen
sich wie folgt auf die einzelnen Geschäftszweige:
Wechseldarlehen 5‘8%, Wertpapiere 4'5%, Bankanlagern
23’5°%, Kassastand 1'5%. Daraus ergibt sich auch, daß
der Eigenbesitz der Sparkassen an Wertpapieren in
letzter Zeit wesentlich gestiegen ist. Durch den Erwerb
von Kommunalschuldverschreibungen und Pfandbriefen
haben die Sparkassen auch wesentlich zur Versorgung
der Gemeinden und Länder mit langfristigen Krediten
beigetragen. Durch den Frwerb mündelsicherer, gut ver-
zinsbarer Wertpapiere sind die Sparkassen auch in die
Lage versetzt, die schlecht verzinslichen Baranlagen bei
den Banken zu verringern, da diese F.ffekten jederzeit be-
lehnbar und verkäuflich und somit mobile Anlagen sind
Diese Ziffern zeigen deutlich, daß die Sparkassen
heute wieder die wichtigsten Geldanstalten für die Pflege
des Hypothekarkredites geworden sind. Von maßgeben-
der Bedeutung für die Wiederbelebung dieses Geschäfts-
zweigs war auch die Rückbildung des FEinlagen-
und Darlehenszinsfußes, für die vor allem die
Sparkassen stets eingetreten sind. Die Spannung zwischen
Aktiv- und Passivzinsfuß, die zu Zeiten infolge des ge-
ingeren Verwaltungskapitales bis zu 20% betragen
natte, konnte mit Rücksicht auf das ständige Anwachsen
les Einlagekapitales bereits auf 2'4A-4°% herabgesetzt
werden. Sparkassenkredite, die in den Jahren der wür-
zendsten Kapitalsnot 35 bis 40% gekostet hatten, stellen
sich heute durchschnittlich nur mehr auf 8-10%. Hand
n Hand mit Ermäßigung des Darlehenszinssatzes mußte
ler Abbau des Einlagezinsfußes gehen. Der Versuch,
len Zinssatz gesetzlich zu regeln, wurde von allen in-
;‚eressierten Körperschaften abgelehnt, da sie jede
Zwangsmaßnahme auf dem Geldmarkte als ungesund
ınd für die gesamte Wirtschaft hemmend ansahen, waren
loch die mit der Zwangsbewirtschaftung gemachten Er-
:ahrungen nicht die besten. Es zeigte sich auch in der
"olge, daß sich der Zinsfuß infolge des Zustromes neuen
Geldes selbsttätig in durchaus zufriedenstellender Weise
‚egelte. Frwähnt sei noch, daß in letzter Zeit Vereinbarun-
zen zwischen den Einlagen entgegennehmenden gemein-
aützigen Anstalten, wie Sparkassen, Kreditgenos-
zenschaften undRaiffeisenkassen, zustandekamen,
lie vor allem die Festlegung gemeinsamer Richtlinien für
den Zinsfuß im Einlagengeschäft und die Vermeidung
unlauterer Werbearbeit zum Ziele haben.
Die gesunde Entwicklung, welche die Sparkassen in
len Jahren nach Stabilisierung der Währung genommen
1aben, zeigt sich auch in den Verhältniszahlen der für
Dersonal- und Sachregien im Jahre 1926 aufgewendeten
3eträge. Das Erträgnis nach Deckung der Passivzinsen
tellte sich auf 39% des Finlagenstandes, wovon auf
dersonal- und Sachregien 1'9%, auf Steuern, Gebühren
ınd sonstige Auslagen 0°8%, auf den Reinertrag 1'2%
‚ntfallen. Dieses Verhältnis bessert sich 'nunmehr von
‚ahr zu Jahr, so daß die Sparkassen auch in die Lage
<ommen, die durch die Geldentwertung geschwäch-
en Reserven wieder zu stärken, deren Auf-
‘üllung begreiflicherweise mit dem raschen Zuwachs an
;pareinlagen nicht Schritt halten konnte. Durch die
\ufstellung der Goldbilanzen wurden die stillen Reser-
‚en, welche vor allem im Immobilienbesitz gelegen
waren, aufgedeckt, so daß trotz der annähernd gleichen
Verhältniszahlen für die Jahre 1013 und 1926 das Ver-
1ältnis der tatsächlich vorhandenen Reserven zum Ein-
agenkapital im Jahre 1926 gegenüber der Vorkriegszeit
ıoch weit zurüc ist, Für die Bildung von Reserven war
ıuch die hohe Besteuerung der Sparkassen hinderlich.
Zusammenfassend kann über die Entwicklung der
Sparkassen in der jüngsten Zeit gesagt werden, daß das
jsterreichische Sparkassenwesen, welches auf eine
ıundertzehnjährige Vergangenheit zurückblicken kann;
im Währungsverfall und der damit verbundenen schlim-
nen Lage der österreichischen Wirtschaft seine Krise
m bestehen hatte. Mit berechtigtem Stolze kann fest-
zestellt werden, daß es die österreichischen Sparkassen
n diesen kritischen Jahren verstanden haben, an dem
Zedanken der Gemeinnützigkeit unverrückbar festzuhal-
‚en und die schwere Krisenzeit ohne ernste Gefährdung
:hrer Existenz zu überstehen. Dieser Grundsatz gewährt
ıuch für die Zukunft die Gewißheit, daß sich die Spar-
<assen zum Nutzen der Volkswirtschaft, in welcher sie
1eute kraft ihrer Kapitalsstärke eine wichtige Stellung
sinnehmen, allınählich zu ihrer alten Stärke und Be-
Jeutung emporarbeiten.