Full text : Tote und lebendige Wissenschaft

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„Vorsehung"  ...  entspringt"  (S.  281).  Hier  geht  die  religiöse
Farbenblindheit  in  unbewußte  aber  krasse  Tatsachenfälschung
infolge  marxistischer  Befangenheit  über.  Denn  was  soll  es  bedeuten, ­
  daß  der  Erlösungsidee  als  „Verheißung"  bei  den  Armen,
ein  „Sein"  beim  Adel  gegenüberstünde?  Begegnet  etwa  beim
Adel  nicht  der  Glaube  an  eine  Vorsehung  und  das  Bedürfnis  nach
Erlösung  von  den  Übeln  des  Daseins?  Ich  will  hier  absichtlich
vom  christlichen  Mittelalter  nicht  sprechen;  aber  war  der  Königsohn ­
  Buddha,  der  die  Erlösungsidee  in  den  Mittelpunkt  der
Religion  stellte,  ein  Proletarier,  hat  nicht  fast  seine  ganze
Gemeinde  aus  Adeligen  bestanden?  „Geburt  ist  Leiden,
Alter  ist  Leiden,  Tod  ist  Leiden",  allein  schon  diese  Worte
Buddhas  hätten  Mar  Weber  lehren  können,  daß  der  religiöse
Erlösungsgedanke  mit  der  „Privilegierung"  und  „ökonomischen
Lage"  einer  Schicht  innerlich  nichts  zu  tun,  sondern  unendlich
tiefere  Gründe  hat.  Die  Fragen  des  Lebens  reichen  wahrlich
über  die  Einkommenslehre  hinaus  —  dieser  Satz  ist  es  vornehmlich, ­
  den  man  Mar  Webers  „Religionssoziologie"  als  einer
ungeheuren  Sammlung  mißverstandenen
Tatsachenstoffes  entgegenhalten  muß.  Ein  a-metaphysischer
  Mensch  unterfing  sich  darin,  das  größte  metaphysische ­
  Gebiet  der  menschlichen  Gesellschaft  und  Geschichte
zu  behandeln.
Von  einer  „verstehenden  Soziologie"  ist  hier  wenig  mehr
zu  finden.  Es  ist  eine  seltene  Verständnisarmut,  die  sich  hier
an  ein  ihr  unerschwingliches  Grundgebiet  des  sozialen  Lebens,
die  Religiosität,  heranwagt,  es  ist  eine  ätzende  Sucht,  zu  zersetzen ­
  und  zu  zerstören,  die  sich  hier  kund  tut.  Und  was  bietet  sie
selber?  —  überall  nur  ein  atheistisches  Aufklärertum  plattester
Art.  Da  gilt,  was  Faust  zu  Mephisto  sagt:
Was  willst  Du  armer  Teufel  geben?
Ward  eines  Menschen  Geist  in  seinem  hohen  Streben
Von  Deinesgleichen  je  gefaßt?
            
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